Sie sind hier: Startseite / Kultur & Wissenschaft / Neuigkeiten Kultur & Wissenschaft / Wie traditionell ist die Funkenhexe?
  • Kinderzeichnung "Am Funkenplatz" (Sammlung Friedrich Juen) Kinderzeichnung "Am Funkenplatz" (Sammlung Friedrich Juen)

Wie traditionell ist die Funkenhexe?

Ein - zumindest in neuerer Zeit - zentraler Teil des Funkenbrauches ist das Verbrennen einer Hexenfigur auf dem Funken. Woher kommt diese Tradition und wie alt ist sie? Haben sie mit den historischen Hexenverbrennungen zu tun?

Die Tradition des Fackelschwingens sowie das Scheibenschlagen sind im Montafon schon seit über 400 Jahren durch schriftliche Quellen (meistens Verbote) belegt. "Funken" im heutigen Sinne sind erst ab dem 18. Jahrhundert dokumentiert und wurden anfangs auch als Fasnachtsfeuer bezeichnet. Bei diesen handelte es sich in der Regel um einen gefällten Nadelbaum, der mit brennbarem Material umschichtet wurde. Auf diesen Feuern wurden noch keine Hexenfiguren verbrannt. Mit der Verbrennung der Funken sollte wohl weniger der Winter vertrieben, als vielmehr der geschwächte Vegetationsgeist zum Zweck einer fruchtbaren Wiederauferstehung verbrannt werden. Dementsprechend kritisierte die Obrigkeit damals den "Aberglauben", dass das Funkenbrennen eine bessere Fruchtbarkeit der Wiesen und Felder bewirke.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen menschenähnliche Figuren, die "Hexen", zum Funkenbrauch hinzu. Das war auch die Zeit, als die Funkenfeuer immer größer und aufwändiger gestaltet wurden. Das wäre früher nur schon aufgrund des Brennstoffmangels nicht möglich gewesen. In unserer Gegend wird 1858 erstmals über Hexen berichtet. Der in Schruns als Arzt wirkende Franz Josef Vonbun erwähnt damals, dass "in einigen gegenden eine aus alten kleidungsstücken zusammengenähte und mit schiesspulver gefüllte figur [...], die man hexe nennt", zum Funken gehöre. Es wurden aber auch andere Figuren verbrannt (etwa in Schnifis ein ausgestopfter Mann mit einer Pfeife im Mund). Und auf zahlreichen Funken wurden weiterhin gar keine Hexen angebracht.

Die von der lokalen Oberschicht gegründete Bludenzer Funkenzunft verhalf der Funkenhexe dann um 1900 zum Durchbruch. Man war sich damals schon bewusst, dass die symbolischen Hexenhinrichtungen auf den Funken den historischen Hexenverbrennungen der Frühen Neuzeit glichen. Der Historiker Manfred Tschaikner ordnet dieser Entwicklung jedoch hohe Relevanz zu, denn die "Umformung des Funkenbrennens zu einer symbolischen Hexenhinrichtung trug [...] maßgeblich mit dazu bei, dass es die Wirren der folgenden Zeit überdauerte und sich letztlich – trotz aller Krisen – sogar zum bedeutendsten Brauch des Landes entwickelte".

Funkenhexe Schruns 1980, Montafon Archiv Funkenhexe, Schruns 1980 (Montafon Archiv)

Er konstatiert hinsichtlich der Analogie zu den historischen Hexenverbrennungen: "Dass die freudige Nachahmung der historischen Hexenverbrennungen, die mehreren Zehntausend Menschen das Leben gekostet haben, allerdings wie deren Rechtfertigung erscheint, thematisierte [der Historiker] Benedikt Bilgeri bereits 1928. Auf stärkere Kritik stößt dieser Umstand jedoch erst seit dem Ende der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Als wohl erste Funkenzunft im Land rückte daraufhin jene der Stadt Bludenz um die Jahrtausendwende von den jährlichen Hexenverbrennungen wieder ab.  Eine allgemeine Abschaffung dieses problematischen Brauchtumsaspekts scheint jedoch in weiter Ferne zu liegen."

--

Autor: Michael Kasper

Quelle: Manfred Tschaikner, Von der Fasnachtsschlacht zur Hexenverbrennung - aus der Geschichte des Vorarlberger Fasnachts- und Funkenbrauchtums, in: Montfort 68 (2016), Band 2, S. 67-79.