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Von Wien über St. Gallenkirch nach Chur

Kurze Zusammenfassung zu Inge Neufelds Flucht vor den Nazis im Jahr 1942.

Von Wien über St. Gallenkirch nach Chur

Inge Neufelds Flucht vor den Nazis im Jahr 1942

Veröffentlicht unter: Michael Kasper: Von Wien über St. Gallenkirch nach Chur. Inge Neufelds Flucht vor den Nazis im Jahr 1942, in: Michael Kasper (Hg.): Jahresbericht 2017. Montafoner Museen, Heimatschutzverein Montafon, Montafon Archiv, Schruns 2018, S. 99f.

 

Inge Ginsberg, geborene Neufeld, kam 1922 in Wien zur Welt. Sie war Jüdin und wuchs dort in relativ wohlhabenden Verhältnissen auf. Doch im Jahr 1938 endete diese recht unbeschwerte Zeit der Kindheit und Jugend mit dem sogenannten Anschluss abrupt:

Wir sind ins Theater gegangen als reiche, freie Menschen, mit dem Chauffeur und dem Auto vor dem Theater wartend. Also wir vom Theater herauskamen, Chauffeur weg, Auto weg, alle Konten gesperrt. Und wir waren 3 total vogelfreie Bettler. Alles war weg.[i]

Ihr Vater wurde verhaftet und kam in das Konzentrationslager Dachau. Die übrigen Mitglieder der Familie, Inge, ihr Bruder Hans und die Mutter Hilda sowie ihr damaliger Verlobter Otto Kollmann mussten in Wien untertauchen und überlebten im Untergrund bis zum Jahr 1942. Inge Ginsberg erinnert sich noch besonders gut an jenen Tag, als sie und ihre jüdischen Mitschülerinnen und Mitschüler das Gymnasium verlassen mussten:

1938 sind wir natürlich dort rausgeflogen. Und ich / nehmen Sie das noch auf? Der Schuldirektor war ein Dr. Schlögl. Und er stand an der Türe, wie wir die Schule verlassen mussten, hat jedem von uns die Hand gegeben. Er hat gesagt, wie er uns / jeden also einen persönlichen Abschiedswunsch gegeben, wie leid es ihm tut, dass er nicht mehr unser Erzieher sein kann.

In der folgenden Zeit waren sie gezwungen häufig das Quartier zu wechseln und litten oft Hunger. Inge musste zudem in einer Zwirnfabrik arbeiten:

In einer Zwirnfabrik. Also da waren solche Maschinen, und wir mussten die Spindeln bedienen. Und zwar Nachtarbeit. Von 8 Uhr abends bis 8 Uhr früh. Was wir nicht wussten war, dass der Besitzer / war irgendein österreichischer Graf, hat das nur aufgestellt, um die 200 Mädels, die er angestellt hatte, zu schützen. Sie vor Deportation zu schützen. Und er hat uns auch mit Essen versorgt. Mitternacht hat er immer große Essen aufgetischt. Und dann eines Tages hat er mich ins Büro geführt […] und hat gesagt: schau gut. Und da waren die falschen Papiere. Er hat gesagt, er muss diese Spinnerei schließen, er kann uns nicht mehr schützen. Er hat mir aber die falschen Papiere gegeben, mit denen wir nach Vorarlberg fahren konnten.

Nach ihren Angaben mussten „die echten Arbeiterinnen […] in der Morgenschicht stundenlang reparieren, was wir nachts verdorben hatten“.[ii]

Im Herbst 1942 hätte die Familie nach Auschwitz deportiert werden sollen. Mit Unterstützung des erwähnten Grafen versuchte die Familie aber in die Schweiz zu fliehen:

Ihr müsst euch vorstellen, dass im Krieg am Zug, zum Zug, im Zug, an jeder Station ununterbrochen Kontrollen waren. Und mein Bruder und mein Verlobter waren im wehrfähigen Alter. Und zu der Zeit 1942 hat man kaum mehr einen jungen Mann gesehen. Die waren alle in Stalingrad. Und dank dieser sehr guten falschen Papiere kamen wir bis nach Vorarlberg.

Die Fahrt von Wien über München nach Bregenz und weiter nach Schruns und schließlich nach St. Gallenkirch verlief zwar glücklich, doch nur aufgrund zahlreicher Vorsichtsmaßnahmen und glücklicher Zufälle. So wurde ein besonders stark frequentierter Zug ausgewählt und die Mitglieder der Familie verteilten sich getrennt voneinander über den ganzen Zug. Außerdem waren alle Familienmitglieder bewaffnet worden:

Und weil mein Vater beim Militär war, hatten wir jede Waffen. Und sie [die Mutter] hat uns jedem Waffen gegeben, hat gesagt: wenn ihr verhaftet werdet, schießt ihr. Ihr werdet sowieso getötet. Aber für jeden von uns geht einer von ihnen. Aber es kam nie dazu. Wir kamen durch. Die Waffen haben wir dann an der Schweizer Grenze in den Abgrund geworfen.

Inge Ginsberg erinnert sich an die ersten Eindrücke bei der Ankunft in St. Gallenkirch bei Familie Juen:

„Nie werde ich den reifen Geruch der Birnen und Äpfel vergessen, als ich in der Abenddämmerung auf dem Holzbalkon stand und in den Garten blickte. Ein wilder Hunger auf Überleben erfasste mich. […] Die Kuhglocken klangen, die Kirchenglocke rief die Herde heim. Man servierte uns längst vergessene Köstlichkeiten, frische Früchte, Fleisch, alles trieb mich dem Leben zu.“[iii]

Mehrere Tage versteckte sich die Familie bei den Juens im Haus und wurde aufgepäppelt:

Wir sind / waren nur in dieser Unterkunft und haben uns gestärkt. Wir waren unterernährt. Wir haben schon weiß Gott wie lange gehungert. Richtig gehungert. Hatten keine Kraft. Also erst haben wir / hat er uns ein bisschen Kraft aufgepäppelt.

In der dritten Nacht, am 22. Oktober 1942, kam Meinrad Juen plötzlich zur Familie und nötigte sie zum überhasteten Aufbruch. Er und sein Bruder Wilhelm würden sie über die Grenze bringen: „Unterwegs warf ich noch viel weg, denn wir kletterten steile Pfade aufwärts und durften keine Geräusche machen. Es war Ende Oktober und sehr kalt. Ich rutschte in ein Loch. Juen warf mir ein Seil zu und zog mich hoch, danach konnte ich nicht mehr schnaufen, und so trug er mich ein Stück. Otto hatte rutschige Schuhe an, Mama musste ihn fast den ganzen Weg ziehen. Einige Stunden mussten wir in einer Mulde bewegungslos liegen bleiben, weil Soldaten vorbeizogen. […] Bei Tagesanbruch zogen wir weiter, teils umgab uns schon Schnee. Man rutschte. Weiter, weiter, drängte Juen. Die Wachen sind bestochen, ihr müsst zu einer gewissen Zeit an ihnen vorbei schleichen. Mama hatte Juen ihren ganzen verbliebenen Schmuck gegeben für diese Flucht. […] Die Wachen zeigten nicht das erwartete Lichtsignal. Vielleicht waren sie ausgewechselt worden, vielleicht hatte uns jemand angezeigt. Wir hielten an einem Felsspalt, den man kaum sah. Die Juens drängten uns durch, sie flüsterten, nun könnten sie nicht weiter mit uns gehen, übergaben uns, was sie an Gepäck für uns getragen hatten, und sagten: Lauft, lauft, so rasch ihr könnt. Drüben ist die Schweiz. Und wir liefen“[iv] Rückblickend erinnert sich Inge Ginsberg folgendermaßen an die Fluchthilfe:

Und dann habe ich / habe ich meinen Rucksack nicht tragen können. Dann hat der Meinrad meinen Rucksack getragen. Dann hat er mich geschleppt. Dann ist mein Bruder ausgerutscht. Dann / vier Leute, die nicht bergsteigen können, übers Gebirge zu bringen, war ein Meisterwerk. An Geduld, an Psychologie, an ich möchte fast sagen Liebe. Wie liebevoll uns die da hinaufgetrieben haben. Wäre so viel einfacher gewesen, uns im Stich zu lassen.

Im Bereich der Grenze hörten die Flüchtenden Schüsse, die vermutlich von der Schweizer Grenzwache in die Luft abgefeuert wurden, um die illegal die Grenze Übertretenden zur Umkehr zu bewegen. Sie liefen jedoch unbeirrt weiter und wurden auf dem Weg ins Tal mehrfach von einem anderen Schweizer Grenzsoldaten in die richtige Richtung gelotst, sodass sie schließlich am Morgen in St. Antönien ankamen. Dort bezahlte der unbekannte Grenzwachbeamte für die vier Flüchtlinge sogar den Bus nach Chur. Dort angekommen nahm er sie in Empfang und verhaftete sie zugleich: „Das war unser Glück, denn hätte er es an der Grenze getan, hätte er uns sofort zurückschicken müssen, aber er wollte uns nicht dem Verderben ausliefern. Dies geschah am 23. Oktober 1942.“[v]


Inge Ginsberg am 29.12.2017 in ihrer Wohnung in Zürich.



[i] Alle kursiven Zitate: Interview mit Inge Ginsberg am 29.12.2017 in Zürich.

[ii] Inge Ginsberg: Die Partisanenvilla. Erinnerungen an Flucht, Geheimdienst und zahlreiche Schlager, München 2008, S. 66.

[iii] Ginsberg: Partisanenvilla, S. 70.

[iv] Ginsberg: Partisanenvilla, S. 70f.

[v] Ginsberg: Partisanenvilla, S. 71.