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Kontakt über die Grenze zwischen Montafon und Prättigau

Der einst rege Austausch zwischen den beiden Nachbartälern im Rätikon wurde vor allem von der Kirche nicht immer goutiert.

Bis ins 20. Jahrhundert gab es im Gebirge über die Staatsgrenze zwischen Österreich und der Schweiz hinweg einen regen Austausch. Einerseits wurden mehr oder weniger legal Waren gehandelt, andererseits exportierte das Montafon Arbeitskräfte auf die Südseite von Rätikon und Silvretta. So wanderten alljährlich von Juni bis August zahlreiche Montafonerinnen und Montafoner nach St. Antönien und Davos sowie in das obere Schanfigg oder ins Unterengadin, um dort für drei bis vier Wochen beim Mähen der großen Heuflächen Arbeit zu finden.

Für die gefährliche Arbeit auf den steilen Hängen verwendete man Schuhe mit Holzsohlen und Nägeln, sogenannten Kälberzähne, die wie Steigeisen funktionierten. Trotzdem kam es immer wieder zu tragischen Unfällen. Am 9. September 1828 kam beispielsweise Barbara Saler aus St. Gallenkirch bei Heuarbeiten im Averstal ums Leben und am 1. August 1911 stürzte Franz Walser aus Schruns auf dem Weg nach St. Antönien ab: „Zwei Heugabeln, Hut, Pfeife und Stock lagen an der Absturzstelle. Die Uhr, welche stehen geblieben war, zeigte 5 Uhr 30 Min.“

Aus der Sicht der katholischen Montafoner Geistlichkeit war es wenig erfreulich, dass „hauffen weis“ Montafoner zur Arbeit in „uncatholische Orth“ zogen. Vor diesem Hintergrund wurden etwa 1680 zwei Gaschurner bestraft, weil sie „schon 4 jahr in Pretigew bey den uncatholischen in diensten gewesen“ waren. Auch gab es immer wieder uneheliche Kinder, die vor diesem HIntergrund zur Welt kamen. Sowohl die reformierte wie auch die katholische Priesterschaft sah diese Entwicklung sehr kritisch. Pfarrer Cattani aus St. Antönien vermerkte diesbezüglich im Jahre 1772 im Kirchenbuch: „[…] ein Hurenkind getaufft […].“ Und Montafoner Priester berichteten in Moralitätsberichten aus den 1830er-Jahren: „Einige […] Mütter kamen vom Verdienste aus der Schweiz […] in diesem Zustande [schwanger] heim.“ Vor diesem Hintergrund ist auch die Errichtung der Kirche in Gargellen zu sein, die Stiftungsgelder unter anderem dafür erhielt, um „den katholischen Leuten, die aus dem Montafon ins Prättigau auf Arbeit gingen, die Sonntagsmesse zu ermöglichen“.

Als sich im Jahr 1840 am Übergang nach Gargellen ein Gefecht zwischen heimkehrenden Montafoner Heuarbeitern, die für Verwandte und Bekannte kleine Geschenke mitführten, und den Grenzwachbeamten, welche die Heimkehrenden auf Schmuggelware kontrollieren wollten, ereignete, sank die Stimmung gegenüber der Grenzwachbehörde auf einen Tiefpunkt. Der Vorarlberger Kreishauptmann berichtete: „Dieser Vorfall hat in ganz Montafon eine große Indignation gegen die Grenzjäger erregt, denen man es sehr übel nahm, daß sie scharf geschossen haben, da der Wert der Waren, die man einzuschmuggeln versuchte, wohl nur einige Gulden betragen hätte.“

Als in der Zwischenkriegszeit während der Weltwirtschaftskrise wieder vermehrt Montafonerinnen und Montafoner im Nachbartal Prättigau zur Arbeit gingen, wurde im Vorarlberger Landboten der folgende kritische Beitrag dazu veröffentlicht:

„Unsere Bergpässe waren von jeher vielbegangene Pfade für die Schmuggler, aber auch oft zogen über dieselben zur Zeit der Heuernte junge Leute beiderlei Geschlechts hinüber in unser Nachbartal, um dort bei der schweren Arbeit zu helfen. Auch die Not des heurigen Jahres zwang wieder viele Burschen und Mädchen im Prätigau Verdienst zu suchen. Die silbernen Fränkli bilden die Lichtseite dieser Beschäftigung, der Verkehr mit den Andersgläubigen aber die Schattenseite dieser Wanderungen. Haben sich unsere Vorfahren zur Zeit der Glaubenstrennung erfolgreich gegen den Abfall gewehrt, so sollte man jetzt auch dieser Gefahr begegnen. Schon sind zwei Mädchen unserer Gemeinde drüben Zivilehen eingegangen, andere sind mit Protestanten verheiratet. Es wäre wirklich an der Zeit, diesem Uebelstande zu begegnen und den Arbeitswilligen Verdienst zu schaffen. […]“ (1933)

Mehr über die Geschichte der Grenze kann im Sonderband Grenzüberschreitungen nachgelesen werden.

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Autor: Michael Kasper