Sie sind hier: Startseite / Kultur & Wissenschaft / Neuigkeiten Kultur & Wissenschaft / Kinderspiele einst und jetzt

Kinderspiele einst und jetzt

Guntram Plangg hat traditionelle Kinderspiele aus dem Süden Vorarlbergs dokumentiert.

Viele Kinder und Jugendliche starren heute stundenlang auf ihre Handys, angefangen vom Smartphone bis zum Tablet. Selbst beim Wandern oder Bergsteigen führen manche scheinbar Selbstgespräche, wenn sie mit Freund(inn)en oder Bekannten telefonieren. Bis in die Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts haben Kinder noch „richtig“ (d.h. traditionell) gespielt. Einmal war es Fangis oder Versteckis, nach der Schule auf dem Heimweg – zu Fuß, versteht sich – gab man das Letzte (Abschlagen). Unser Tapptapp (Abklatschen, wenn man eine(n) Versteckte(n) fand) war mitunter nach der Maiandacht beliebt, wenn es schon dunkelte. Im Krieg ist dann dafür der Bangemann aufgekommen, ein Spiel, das uns die Kinder der Bombenflüchtlinge beigebracht haben.

          Das sog. Krüüzerla, in vielen Spielarten dem Klückerla ähnlich, wurde eher selten gespielt, weil früher Geld viel rarer war. Die meisten Schulkinder im Dorf hatten gewöhnlich keinen einzigen Groschen oder Pfennig in der Tasche, wenn sie in die Schule gingen. Die Pause (so sagten wir für das Brot oder den Apfel) hat man von daheim mitbekommen, wofür vielleicht auch die Lebensmittelkarten im Krieg verantwortlich waren. Nach der Schule spielte man besonders im Frühjahr mit den Klückern (kleinen Tonkügelchen) gegen eine Wand: Es hatte gewonnen, wer am nächsten dran war. Es gibt auch andere Spielarten mit den Murmeln, die etwa an das heute besser bekannte Watschelen (ital. Boccia, frz. Boule) erinnern. Eine Variante war, möglichst nahe an einen größeren oder gläsernen Klucker heran zu kommen, eine andere, zu einem Grübchen hinzuspielen.

          Natürlich hatten wir Buben alle eine(n) Schleuder (mundartlich m.), also einen zurecht geschnitzten Gabelast mit Gummizügen (aus einem alten Autoschlauch geschnitten), die größeren unter uns wohl auch eine Metallgabel aus dickerem Draht (von Feldmausfallen u.ä.). Der Krieg hatte uns vermutlich angesteckt, wenn wir sog. Bodenschleuder (in drei- oder vierfacher Größe) machten, abgesehen von Pfeil und Bogen oder Pfeilschleudern. Diese letzteren waren wie kleine Peitschen, die Schnur hatte am Ende einen Knoten; dieser wurde in die Kerbe in der Pfeilmitte eingehängt. Den Pfeil schnitzte man aus Dachschindeln, vorne etwas dicker und zugespitzt, hinten mit einer Windflosse. Ein Könner konnte Pfeile 50 Meter und weiter werfen; schwieriger war es, den Pfeil dann im Gras wieder zu finden.

          Ein Spiel für etwas größere Buben war das Spechten, das uns von Schwaben (Feriengästen) beigebracht wurde. Man hat dickere Haselstecken (3-4 cm) auf etwa 50 cm zugeschnitten, einseitig mit dem Beil zugespitzt und einen Rasenplatz gesucht, der gründig und nicht steinig war. Dann musste einer seinen Stock mit Schwung in den Boden werfen, sodaß er stecken blieb. Der nächste versuchte, diesen herauszuschlagen. Dabei mußte aber sein eigener Stock stecken bleiben, sonst kam der nächste Spieler dran. Wenn der Stock gerade steckt, ist er sicherer als wenn er geneigt ist. Beim schräg steckenden Stock ist die Hebelwirkung größer und wenn man gut trifft, fliegt der des Mitspielers weg.

Eine heimische Variante haben wir beim Hüten auch öfters ausprobiert und das Sackmesser auf den Boden geworfen, wo es stecken sollte. Das war aber für die  Schneide nicht so günstig, die man brauchte, um sich einen Stecken oder eine Rute zum Viehtreiben zu schneiden.

Im späteren Frühjahr, wenn von den Apfelbäumen unreife kleine Äpfelchen fallen, mussten wir Kinder diese auflesen, um das Faulen der Ernte zu verhindern (Monilia), Diese kleinen, ungenießbaren Äpfel konnte man auf eine zugespitzte Rute stecken und dann ziemlich weit schleudern. Mit dem Zielen hat es aber gehapert. Hin und wieder ging eine Fensterscheibe in der Nachbarschaft zu Bruch, dann gab es Tätsch (oder Klöck), sodass man sich besser rechtzeitig eine Zeitung unter den Hosenboden geschoben hat.

          Das Spázeckla ist eine Abart des in der Schweiz üblichen Hornussen, im Engadin Mázza genannt. Dort spielten das die Erwachsenen anscheinend im Winter und schlugen den Holzball auf Harschschnee über hundert Meter weit (wie man lesen kann bei Masüger). Bei uns war der Spázeckel ein Kinderspielzeug, in Tirol früher als Patzöbel bekannt. Das Wort kommt vom rätoromanischen *smazzeclár d. h. ‚wegschlagen‘. Man erkennt in der Lautung rtr. mázza vom lat. MATTEA ‚Keule, Schlegel‘. Das gleiche Wort steckt auch in unserer Bezeichnung einer Quaste, einem Bämmel (Mützen): Diese sog. Zóggla kommt vom rtr. mazócla ‚Quaste; Zäpfchen (am Hals der Ziege)‘, wie man bei den Nachbarn im Unterengadin hören kann (Hwb. 473). Die zugespitzte, konische Form verbindet Spazeckel und Zoggla.

          Zurück zum Spázeckla: Am Rande seines Verbreitungsgebietes gibt es nicht nur lautliche Varianten der rtr. Bezeichnung (Unterland: Spátzoseckl m.; Jutz 2, 1200), sondern auch verschiedene Spielarten. Da ist einmal das Aufschlagen mit der Kelle von einer Treppenstufe oder einem Stein aus. Wenn der Spazeckel noch in der Luft mit der Hand gefaßt wurde, ist Spielerwechsel. Sonst darf man bei uns im Oberland den Spazeckel am Boden gegen den Aufschlagsort „zurück­sperzen“, solange er sich auf dem Boden noch bewegt. Von wo er liegen blieb, darf man drei Schritte zum Aufschlagplatz hin machen und muß von dort aus den Spazeckel auf die Kelle werfen, die am Abschlagstein lehnt. Wenn man die Kelle trifft, ist ebenfalls Spielerwechsel.

          Mit dieser Spielart hat sich eine andere vermischt, bei der ein Spa(t)zeckel auf den flachen Boden gelegt wird (Weg, Straße, nicht im Gras). Dann schlägt man auf eine Spitze, der Spazeckel fliegt kurz hoch und muß noch in der Luft mit der Kelle möglichst weit vom Aufschlagplatz weggeschlagen werden. Von dort wo er liegen bleibt, werden die Kellenlängen zuerst geschätzt (als Punkte im Spiel). Der Gegner darf nachmessen, wenn er glaubt, es seien weniger Kellenlängen. Wenn er recht hat und die Schätzung überzogen war, wechselt der Aufschläger. Am Schluß ist Sieger, wer am meisten Punkte hat.

          Zu meiner Überraschung gibt es ganz ähnliche Spielarten mit einem beidseitig  zugespitzten Holzstück, eben dem Spazeckel, vor allem in Italien, aber auch in anderen romanischen Ländern. Das spricht für ein relativ hohes Alter des Spiels, das unter verschiedenen Namen bekannt ist. Im benachbarten  Schweizer Rheintal sagt man dafür Maríksla, in Bozen heißt unser Spazeckel Klötzl, in Norditalien versteht man unter Lípa, Pandólo, Císpa sehr ähnliche Spielarten.

          Ein völlig abgekommenes Spiel ist das Büchsenschlagen. Man hat eine alte Büchse (Konservendose) auf einen etwas größeren Stein gestellt und in angemessener Entfernung davon einen Strich gezogen. Von dort aus mußte man mit einem handlichen Wurfstein die Büchse treffen und vom Stein (Sockel) herunterschlagen. So hat man Punkte gemacht und nach etlichen Runden, wenn jeder der Mitspieler zehn- oder zwanzigmal geworfen hatte, diese Punkte verglichen. Wer am meisten Treffer hatte, war Sieger.

          Ein auch bei den benachbarten Rätoromanen bekanntes Spiel, im Engadin beim Schweineschlachten im Herbst einst üblich, ist das Sauentreiben. Wir haben ein faustgroßes Holzstück oder eine alte Büchse genommen, auf einem Feldweg oder Dorfplatz (damals nicht geteert) ein kleines Loch gemacht und das Klötzchen hineingelegt. Dann hat sich jeder Spieler einen längeren Haselstecken besorgt. Rund um das Loch mit der sog. Sau hat man einen Kreis gezogen in etwa 1,5 m Entfernung. Auf diesem Kreis hatte jeder Spieler ein kleines Loch für seinen Stecken in etwa gleichen Abständen. Einer war der Sauhirt und mußte mit seinem Stecken dafür sorgen, daß ihm keiner die Sau aus dem Loch schlägt. Wenn das einer versucht, muß er sein Loch freigeben, um die Sau schlagen zu können. Der Sauhirt versucht sofort, mit seinem Stecken dessen Loch zu besetzen. Dann ist nämlich dieser Mitspieler Sauhirt und muß die Sau hüten. Nicht selten artete das Sauentreiben in eine Schlägerei mit oder ohne Stecken aus, wenn einer dem Sauhirt statt auf die Sau auf die Schienbeine schlug. Im Engadin spielte man das Sauentreiben gern mit den abgezogenen Klauen der Schlachtschweine, wie berichtet wird.

          Eine Schaukel haben wir uns als Kinder selbst gemacht mit einem Heuseil und einem kleinen Brettstück. Dann musste man nur noch einen starken, eher waagrechten Baumast an einem geeigneten Baum finden. Einfacher war es, eine sog. Gîgagampfa zu machen, nämlich  ein Brett oder längeres Holzstück über einen Stein oder Bock zu legen. Auf beide ungefähr gleich langen Enden setzt sich ein Kind, und dann geht es auf und ab. Manchmal stellte sich jemand in die Mitte und gab den Rhythmus an.

Eine andere, etwas riskantere Art des Schaukelns war das Birkenreiten. Man klettert auf  eine freistehende junge Birke, nimmt den etwa schaufelstieldicken Stamm fest in beide Hände und schwingt sich hinaus, damit sich der Wipfel zu Boden neigt. Manche Birken sind vom Schneedruck schon etwas geneigt und taugen besser zum Auf und Ab. Wenn man nicht auf den Boden kommt, kann man sich nicht abstoßen und muss den Stamm auslassen – und sollte nicht zu tief fallen. Manche Birken federn schlecht und wenn gar ein zu starker Ast vom Stamm abgeht, kann auch die Krone brechen. Das führt dann zum Absturz und kann auch schlimmere Folgen haben.

          Das Fangen von Scher- oder Feldmäusen mit Fallen wurde zeitweise sogar prämiert. Wenn man in der Gemeinde eine Feldmaus oder deren Schwanz vorzeigte, erhielt man ein paar Groschen (oder Pfennige, meine Großmutter sagte immer noch: Kreuzer). Damit wollte man Mausplagen etwas eindämmen, denn beim händischen Mähen im Feld waren die Maushaufen schlecht für die Schneid. Ähnlich wurde für einen Kübel eingesammelter (und „gebrühter“ Maikäfer) eine Belohnung gegeben.

Nicht so gerne gesehen war es, wenn wir Buben auf Vogelfang aus waren. Da stand vorweg der Gräätsch ‚Eichelhäher‘, den man im Herbst beim Hüten in den Nußstauden hörte. Seine wunderschönen blau-weiß-schwarz gefärbten Flügelfedern waren eine Trophäe, die nicht jeder hatte und die mancher Bauer noch immer in sein Hutband steckt. Um den Vogel zu fangen, haben wir in einem Ausmahd oder Maisäß zuerst ein günstiges, ebenes Plätzchen gesucht. Dann hat man mit dem Taschenmesser eine viereckige Grube etwa 10 x 12 cm und 8 cm tief sauber aus dem Rasen geschnitten. Als Deckel (etwa 20 x 30 cm) suchte man ein Brettchen; auf einer Schmalseite wurde ein gerader Haselstecken, etwa 30 cm lang, aufgenagelt und oben auf dem Brettstück ein kleines Holzscheitchen.

Das Brettstück hat man mit kleinen schrägen Pföstchen  wie eine Falltüre über das Loch gelegt und einen Stein zum Drauflegen gesucht. Am heikelsten war es, aus dünnen Haselstäbchen die eigentliche Falle zu schnitzen: Ein kurzes Stäbchen im Loch am Rand, das nicht über die Grasnarbe ragen darf. Darauf kommen vier Stäbchen in Form einer 4 mit schmaler Auflage, von welchen das längste Stück den schräg über dem Loch aufgestellten Deckel hält. Um die Falle herum hat man ein paar trockene Türggenstengel (Mais) in den Boden gesteckt und einige Maiskörner verstreut, die meisten aber in die kleine Grube. Hin und wieder zwischen dem Aufpassen auf die Geißen hat man auf die Falle geschaut.

Wenn die Falle zu war, der Holzdeckel flach auf dem Boden lag, hat man vorsichtig das Taschentuch unter dem Brettstück eingezogen bis zu den Angelpflöckchen, um den Vogel herauszunehmen – wenn einer eingegangen war. Vorsicht war dabei gefragt, weil die Häher nicht nur Nüsse knacken können, sondern auch ganz schön in die Finger zwicken, sodass dabei manches Vögelein wieder freikam. Man hat einen Grätsch eigentlich kaum eingesperrt, sondern ihm nur wenige Federlein genommen als Trophäe, um den Freunden auch beweisen zu können, dass man einen dieser eher scheuen Vögel erwischt hatte.

Spatzen hat man auf ganz andere Art gefangen. Dazu brauchte man einen sog. Vogelschlag. Anstelle der Grube hat man auf ein Brettstück mit Holderstecken, gut 1 cm stark und etwa 30 cm lang, eine Art viereckigen Käfig gebaut in der Art unserer Heubargen, also „getrölt“ mit Luft zwischen den grünen Stäben. Die Stäbe wurden nahe dem Ende jeweils gebohrt, was bei Holunder nicht schwer ist, weil die Ruten ein dickes Mark haben. Ein dünner Holzstab oder auch ein längerer Nagel hielt die Stäbe in den vier Ecken aufeinander. Gut 10 cm über dem Grundbrett wurde wie beim Schlag ein bewegliches Brettchen zwischen die obersten zwei Holderstäbe eingesetzt. Der Fallmechanismus war derselbe wie bei der Grätschafalla. Mit ein paar  Weizenkörnern hat man die Vögel herangelockt. Wenn ein Vogel die locker aufgestellten Stäbchen der Falle, die raffiniert ineinander greifen, auch nur berührt, klappt der Deckel zu. Einmal habe ich in unserem Kornacker nicht weit von daheim in einem solchen Schlag gleich zwei Spatzen auf einmal gefangen. Man hat die Vögelein ganz genau angeschaut, sie hatten in der Hand immer einen spürbaren Herzbumperer vor Angst und man ließ sie daher bald wieder  fliegen.

Ein Kapitel für sich sind die Pfeifen und Tuuta oder Bääpa, wie wir für einfachste Blasinstrumente sagen, wohl lautmalende Bezeichnungen. Im Frühjahr nach der ersten Weide, wenn das Vieh auf die Maisäße und Alpen geht, läßt es die manchmal fast meter­hohen krautigen Stauden der Rasaféna stehen (im Walgau Wiesen-Bärenklau oder Kerbel?).Wenn man den grünen, hohlen Stengel mit nur einem Knoten abschneidet (gut 10 cm) und einen Längsschnitt in der Mitte macht, gibt er beim Hineinblasen einen Ton. Vorsicht ist allerdings geboten, weil andere Bärenklau-Arten (mda. Hásagras) und vor allem der im Sumpfgebiet wachsende Schierling ganz ähnliche Stengel haben (aber ohne Längsrillen und mit anderen Blättern), die sehr giftig sind. Die Bääpa aus Rasafena-Stengeln halten leider nicht lange und vertrocknen schnell, sind dann unbrauchbar.

Die richtigen Maipfeifen macht man aus Weideruten, wenn diese im Frühjahr im Saft sind und austreiben. Wir haben ein gut 10 cm langes fingerdickes Stück möglichst ohne Knospen genommen und mit dem Taschenmesser rundherum den Bast weichgeklopft. Dabei darf man die Rinde nicht beschädigen. Nach 2-3 cm am dickeren Ende durchschneidet man die Rinde bis aufs Holz und versucht dieses heraus zu ziehen. Man sieht bald, ob das geht und die Rute geeignet ist. Wenn es gelingt, die Rinde zu lösen und das Holz in der Rinde zu drehen, schneidet man eine Kerbe wie bei einer Blockflöte etwa 2 cm vom dickeren Ende in Rinde und Holz und dreht dann die Rindenhülle vorsichtig vom Holz. Das kurze Holzstück bis zur Kerbe schneidet oder sägt man durch und schneidet dann etwa 1 mm längs von dem Klötzchen und setzt dieses wieder ins Rindenrohr ein, damit man die Pfeife anblasen kann. Am anderen Rohrende wird ein kleines Stück vom dünneren Ende des ausgelösten Holzstäbchens eingesetzt – und fertig ist die Maipfeife. Damit sie nicht so schnell vertrocknet, sollte man sie nachts ins Wasser legen.

          Richtige Buben müssen pfeifen können, auch mit den Fingern. Am besten geht es mit Daumen und Zeigefinger (meine ich), aber ebenso mit beiden Zeigefingern oder Mittelfingern. Manche können auch sehr laut und ohne Finger pfeifen. Das übliche Pfeifen mit gespitzem Mund ist gewöhnlich melodischer, man kann unschwer Melodien produzieren (im Unterricht verpönt!). Raffinierter war es, mit leicht geöffnetem Mund zwischen Zunge und Oberkiefer zu pfeifen, was nur leise funktioniert, aber an der Mundstellung nicht zu erkennen ist. Das hat in der Schule nicht selten Tatzen eingetragen in der „guten alten Zeit“. Damals war auch das Rollenbild noch sehr ausgeprägt, weil zwar viele Mädchen pfeifen konnten, aber nicht sollten: Mädchen die pfeifen und Hähnen die krähn, soll man beizeiten den Hals umdrehn (so hieß ein Sprüchlein).

          Es ist sprachlich interessant, daß unsere Mundart kein allgemeines Wort für ‚spielen, Spiel‘ kennt. Wir Alemannen verwenden am ehesten hüüsla, das ursprünglich sicher auf das Spielen mit Holzklötzchen und Brettstücken bezogen war. Matador, Märklin, Lego etc. kamen erst im industriellen Zeitalter in Mode. Man kann zwar sagen, daß ein sehr kleines Kind met da Finger hüüslat oder ein Buab met amana Riitarößle oder mit Kriase (Kirschen) hüüslat. Wenn es aber um Wasser und Sand geht, sagen wir tååra. Mädchen tun pöppala; man unterscheidet in der Mundart gewöhnlich zwischen einer Poppa und einem Poppele. Während heute gutes Spielzeug auf das Lernen neuer Inhalte und Fähigkeiten ausgerichtet ist, war traditionelles Spielzeug vorwiegend selbst hergestellt und auf die damalige Arbeitswelt ausgerichtet, vom Bénnele (Schubkarren) bis zur Poppastuba.

          Das Wort Spielen hat ursprünglich soviel wie Tanzen, Balzen bedeutet und hat romanisch wie süddeutsch einen erotischen Unterton, wie Spielhahn oder Spielplatz als Flurname und nicht zuletzt die stete Kritik der Kirche   erkennen lassen. Tanzhäuser gab es bekanntlich in den meisten Gemeinden, vor allem im Walgau. Wir alle kennen einschlägige Veranstaltungen, etwa am Ende der Fasnacht die sog. Drei Letzten (beim Funken), die seit der Gregorianischen Kalenderreform schon in die Fastenzeit fallen, sich aber zäh gehalten haben. In Westtirol wie im Vinschgau ist das der sog. Kassonntag, an dem die Dorfämter früher neu vergeben wurden (Vorsteher, Alpmeister etc.). Das rätorom. far termágl für ‚spielen‘ meint auch das Héngara (Walgau: Stubate, Heimgarten oder Kiltgang). Der Ursprung vom Wort termágl ist unklar und umstritten.

Das Kartenspielen wird meist genauer als Jassen, Schnapsen (anderswo Watten, Bieten, Schafkopfen etc.) unterschieden, allgemeiner auch als Karten bekannt (Tirol).  Die Spielkarten wurden eher toleriert, obwohl auch diese in einigen Spielformen nicht ganz harmlos waren (17 + 4 etc.), als das Würfeln oder Paschen, bei dem in vergangenen Tagen angeblich mancher Bauer sein Eigen und sogar seine Freiheit verspielt haben soll.

In den meisten romanischen Sprachen werden auch Musikinstrumente nicht „gespielt“, sondern zum Klingen gebracht (etwa rätorom. sunár,  ital. sonare);  sie werden dt.  geblasen, gestrichen, gezupft u.ä. Etwas von der alten Bedeutung schwingt noch mit in Wendungen wie Spiel di net und ähnlich. Dass Spiel und Wirklichkeit sehr nahe beieinander stehen können, zeigen nicht nur Theaterstücke wie der Jedermann. Man spielt oder macht etwas, gibt eine andere Person (auch rom. dar, far …).

Die Mundart kennt mehrere Wörter, die ein Spielen genauer unterteilen und angeben:  So sagt man mda. theáterla für ‚Theater spielen‘, daneben trompeeta, giiga, trummla etc.; man kann jemand da Marsch blååsa u.ä. Verallgemeinerung und Abstraktion sind Bereiche, die erst die Hochsprache breiter ausgebildet hat.

Heute redet man vom Spilzüüg, wo meine Generation noch Hüüslezüüg gesagt hätte. Das Spielen wird auch für Erwachsene verwendet, das mda. hüüsla normalerweise nicht, man würde eher gäggala sagen, wenn jemand nicht ernsthaft arbeitet. Damit wird aber ein anderes Kapitel angesprochen, die Kinder- oder Ammensprache. Wörter wie spúdera, zúzla, glútschga, tscháppala, barlótscha … gehören in diese Kategorie, die auf das verklungene Romanische zurückgeht. Darüber ein andermal.   

---

Autor: em. Univ.-Prof. Dr. Guntram Plangg

Veröffentlicht im Jahresbericht der Montafoner Museen 2018, S. 152-155.