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Hofrat Arnold Durig

Ein kurzes Lebensbild zum Tschaggunser Ehrenbürger Hofrat Arnold Durig.

Berghofrat Arnold Durig – Ein Tschaggunser Ehrenbürger im Portrait

Wider das Vergessen

Hofrat Arnold Durig verstarb am 18. Oktober 1961 kurz vor seinem 89. Geburtstag. Da seine einzige Tochter Ilse 1964 kinderlos verstarb, gibt es keine direkten Nachkommen mehr von ihm. Auch sein Grab am Tschaggunser Friedhof wurde schon vor langer Zeit aufgelöst.

Läuft Arnold Durig, der nicht nur Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Tschagguns, sondern auch der Bundeshauptstadt Wie war, Gefahr, in Vergessenheit zu geraten? Wohl nicht ganz… Schließlich gibt es in Latschau die Hofrat-Durig-Schule, die sich in der Hofrat-Durig-Straße befindet, und in Wien gibt es im Innenhof des Physiologischen Instituts der Medizinischen Universität eine Gedenktafel, die an ihn erinnert. Nicht zuletzt wird in Vorarlberg alljährlich der so genannte Durig-Böhler-Preis für innovative Forschung in der Medizin verliehen, der nach den Vorarlberger Medizinern Arnold Durig und Lorenz Böhler benannt ist. Auch lebt er noch immer in den Erinnerungen von älteren GemeindebürgerInnen weiter.

Doch mit der Zeit verblassen derartige Erinnerungen, bevor sie irgendwann einmal ganz verschwinden. Um dem entgegenzuwirken, wurde dieser Beitrag verfasst. Er ist übrigens nicht die einzige schriftliche Erinnerung an Hofrat Durig. So entstand vor zehn Jahren eine Broschüre über ihn, die von SchülerInnen der Hauptschule Schruns-Dorf erstellt wurde, und für den Jahresbericht der Montafoner Museen des Jahres 2011 wurde von mir anlässlich seines 50. Todestages ein Beitrag über ihn verfasst, der die Grundlage dieses Textes ist.

Sein Leben

Arnold Durig wurde am 11. November 1872 in Innsbruck geboren. Seine Eltern waren der gebürtige Tschaggunser Josef Durig, der zu jener Zeit Direktor der Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck war, sowie Karoline, geborene Haselwandter, die aus einer kleinbürgerlichen Innsbrucker Familie stammte.

Nach seiner Matura inskribierte er an der Medizinischen Fakultät in Innsbruck und wurde bereits mit 22 Jahren Assistent am dortigen Physiologischen Institut. 1900 wechselte er an die Universität in Wien, wo er Assistent des zu jener Zeit weltbekannten Physiologen Sigmund Exner wurde. 1902 erhielt er die Lehrbefugnis und nach einem Semester an der Universität in Oxford verbrachte er einige Zeit an der Berliner Universität, wo er unter dem damals ebenfalls sehr bekannten Physiologen Nathan Zuntz arbeitete. 1905 kehrte er wieder nach Wien zurück, wo er zum ordentlichen Universitätsprofessor ernannt wurde und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Forschung und Lehre äußerst aktiv war.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Durig 1914 in den Militärdienst ein und übernahm im Juli 1915 die Leitung des Kriegsspitals Grinzing bei Wien, das mit 6.000 Betten das größte Spital der Habsburgermonarchie war und in dem während des Krieges geschätzte 116.000 Kranke und Verwundete behandelt wurden. Nach dem Krieg folgte er Exner als Leiter des Physiologischen Instituts an der Wiener Universität nach und hatte dessen Leitung über 20 Jahre lang inne. 1921 wurde er zum Hofrat ernannt. In jenen Jahren haben etwa 16.000 angehende Ärzte seine Vorlesungen besucht und Prüfungen bei ihm abgelegt. Während seine Prüfungen vielfach gefürchtet waren, waren seine klaren und lebendigen Vorlesungen sehr beliebt und fanden meist in überfüllten Hörsälen statt. 1938 wurde er nach der nationalsozialistischen Machtergreifung von dieser Position abberufen und lehnte ein Jahr später eine Berufung nach Berlin ab.

In seiner Pension zog sich Arnold Durig ins Montafon zurück, wo er im Gauertal in Latschau seinen Lebensabend in der von ihm geliebten Bergwelt verbrachte und von dort aus mit seinen Fachkollegen in regem Austausch blieb, wie die umfangreiche Korrespondenz im Nachlass Arnold Durigs, der sich im Montafon Archiv befindet, beweist. So hatte Durig unter anderem Kontakt zu Sigmund Freud und Albert Einstein. Ab 1949 war er zudem Oberschulaufseher von Tschagguns.

Seine Forschungen

Durig war Anfang des 20. Jahrhunderts als Forscher äußerst aktiv und publizierte seine Ergebnisse regelmäßig. Seine Forschungsschwerpunkte waren Stoffwechselprobleme, Sport- und Arbeitsphysiologie, Volksernährung, Kreislauf und Blutdruck sowie die Höhenphysiologie. Seine höhenphysiologischen Untersuchungen führten ihn nicht nur zwei Mal auf den Monte Rosa, einen Viertausender in den Walliser Alpen, sondern im Rahmen der so genannten Bilkengratstudie auch auf den Bilkengrat im Rätikongebirge. Nicht weniger als 49 Versuchsmärsche unternahm Durig im Sommer 1905 über den Zeitraum von zwei Monaten auf den Bilkengrat und legte dabei jedes Mal mit einem Apparat zur Bestimmung des Energieumsatzes im Körper 800 Höhenmeter zurück. Ziel war es, den Einfluss von Training und Alkohol auf die Leistungsfähigkeit beim Aufstieg festzustellen. So stieg Durig teils nüchtern hinauf und teils nahm er vor dem Aufstieg 30 bis 40 ccm Alkohol zu sich, was ungefähr einem doppelten Schnaps entspricht. Was anfangs vielleicht eher auf feucht-fröhliche Selbstversuche einger Studenten hindeutet, erscheint nach genauerer Betrachtung in einem ganz anderen Licht Durig kam nämlich zur Erkenntnis, dass einerseits die Aufstiegszeit und der Energieverbrauch durch den Alkoholkonsum stiegen und sich andererseits die Arbeitsleistung und die Effizienz der Energienutzung verschlechterten. Diese Ergebnisse sind aus heutiger Sicht logisch, allerdings ist es interessant zu sehen, wie Durig diese Parameter bereits vor über 110 Jahren durch ernsthafte und seriöse wissenschaftliche Selbstversuche bestimmen konnte.

Seine Leidenschaft für die Berge

Durig blieb bis ins hohe Alter körperlich sehr aktiv und wurde vom Lehrer Josef Fitz in seiner Durig-Kurzbiografie als „Bergsteigerphänomen“ bezeichnet:

„Mit 10 Jahren hat er – nach seinen eigenen Worten – angefangen, auf die Berge zu gehen und lief den Eltern davon, um, wie er schmunzelnd erzählte, seine Tuberkulose auszuheilen. Bald wurde er ein so berühmt-berüchtigter Bergrenner, daß er kaum noch Begleiter fand. Mit 78 Jahren konnte er in einem Brief von sich sagen, er könne auch heute noch gutes Tempo gehen und das Tragen von 20 kg bei mäßiger Nahrungsaufnahme geniere ihn nicht.“

Ein weiteres Beispiel für seine hohe bergsteigerische Leistungsfähigkeit im Alter ist folgende Tour, die er 65-jährig, acht Wochen nach einem Fußbruch als 23-stündigen „Probemarsch“ absolvierte: Latschau – Schesaplana – Straßburger Hütte – Pfälzer Hütte – Dreischwestern – Frastanz – zurück nach Latschau. Zur Untermauerung des Umfangs der Tour sei darauf hingewiesen, dass allein die Distanz zwischen Frastanz und Latschau im Tal über 30 km beträgt. Die Bezeichnung „Berghofrat“ erscheint unter diesen Umständen also durchaus angebracht.

Sein Tod

1959 starb Durigs Ehefrau Alexandra, die ihm 60 Jahre lang eine treue Weggefährtin gewesen war und mit der er eine gemeinsame Tochter, Ilse, hatte. Zwei Jahre später, am 18. Oktober 1961 verstarb Arnold Durig – wie man seiner Todesanzeige entnehmen kann – knapp einen Monat vor Vollendung seines 89. Lebensjahres „nach nur dreitägiger Krankheit“.

 

Ursprünglich erschienen in: Gmesblättli Tschagguns. Nr. 113 (2/2018). S. 16f.

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Autor: Andreas Brugger

19.11.2020

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