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Fremdenverkehr in Gaschurn zur Jahreswende 1934/35

Zeitungsbericht aus dem Vorarlberger Volksblatt über den Fremdenverkehr in Gaschurn zur Jahreswende 1934/35 während der Tausend-Mark-Sperre durch das Deutsche Reich.

Gaschurn, 29. Dezember. (Wintersportverkehr.)

Vor den Weihnachtsfeiertagen hat im oberen Montafon ein seh reger Wintersportbetrieb eingesetzt. Noch zu rechter Zeit stellte sich der schon lang ersehnte Schnee ein, wenn auch nicht in der sonst um diese Zeit gewohnten Menge. So fanden sich denn auch vor den Feiertagen die zahlreich angemeldeten Gäste ein. In Gaschurn sind die Hotels und auch die neuen Skiheime "Lifinarhaus" und "Versailhaus" voll besetzt und auch Parthenen hat bis nach Neujahr kaum noch ein freies Bett. - Obwohl schon in den letzten Jahren dank der regen Propaganda der einzelnen Häuser immer mehr internationale Gäste das Montafon aufsuchten, so hat sich infolge der intensiven Auslandspropaganda der österreichischen Bundesregierung der Kreis der Nationen noch vergrößert. So sind zur Zeit Gäste aus aller Herren Länder anwesend. Aus Frankreich hat das Reisebüro "Cedok", Paris, eine Gesellschaftsreise veranstaltet, und es ist überraschend, daß dieses Büro fast die doppelte Anzahl der ursprünglich angemeldeten Gäste brachte. Außer Österreich sind aber auch noch Gäste aus der Schweiz, aus Holland, England und der Tschechoslowakei hier und selbst Vertreter exotischer Länder sind anzutreffen, indem mehrere Gäste aus Persien, Siam und China zum Wintersport nach Gaschurn gekommen sind. Es liegen auch schon Anmeldungen für die sonst ruhige Zeit im Jänner vor und es sind somit die Aussichten, daß sich der Fremdenverkehr in den kommenden Monaten ebenfalls auf einer Höhe halten wird, die der ganzen Bevölkerung des Montafon von Nutzen sein wird.

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Dieser Zeitungsbericht zum Jahreswechsel im konservativen Volksblatt ist vor dem Hintergrund der Tausend-Mark-Sperre zu sehen. Bereits ab 1930 verursachte die Wirtschaftskrise einen Besucherrückgang, bevor dann ab 1. Juni 1933 der Gästestrom aus dem Deutschen Reich nahezu gänzlich zum Erliegen kam. Nach der Aufhebung der Tausend-Mark-Sperre im Jahr 1936 stieg die Zahl der deutschen Gäste rasch wieder an.[1] In den Jahren zwischen 1933 und 1935 vergab die öffentliche Hand Hilfsgelder für den Gastgewerbe- und Beherbergungssektor. Im Montafon wurden in Gargellen (Hotel Vergalden und Gasthof Heimspitze), Gaschurn (Gasthof Edelweiß), St. Gallenkirch (Gasthof Adler) und Schruns (Gasthof Krone) Betriebe mit insgesamt rund 58.000 Schilling gefördert.[2] In den Genuss dieser Subventionen kamen aber verständlicherweise nur regierungstreue Betriebe. So hatten Josef und Elisabeth Pfefferkorn 1934 ein Unterstützungsansuchen für ihre Pension Gauenstein in Schruns eingereicht, wurden jedoch aufgrund ihrer staatsbürgerlichen Gesinnung abgelehnt. Im Folgejahr wurde der Besitz zwangsversteigert und die Familie „auf die Straße gesetzt“. Umgekehrt wurden von Deutschland nach Aufhebung der Sperre Listen angefertigt, in denen vermerkt wurde, welche Häuser „der Deutsche besuchen muss“ und welche Häuser „der Deutsche nicht besuchen darf“.[3]

Die Schuld am wirtschaftlichen Desaster aufgrund der Tausend-Mark-Sperre wurde in den folgenden Jahren zumeist nicht dem Verursacher Hitler, sondern der österreichischen Regierung angelastet. Immer mehr Gewerbetreibende wandten sich in den folgenden Jahren der NSDAP zu. In diesem Zusammenhang protestierten die Vorarlberger Verkehrsvereine und die Gastwirtegenossenschaft am 6. und 7. Juni 1933 gegen den „deutschfeindlichen“ Kurs der Regierung und machten damit deutlich wie groß ihre Affinität zum Nationalsozialismus war...



[1] (Feurstein, Wirtschaftsgeschichte Vorarlbergs von 1870 bis zur Jahrtausendwende, 2009, S. 312)

[2] (Groß, Zwischen Kruckenkreuz und Hakenkreuz: Tourismuslandschaften während der 1000-Reichsmark-Sperre, 2013, S. 64)

[3] (Groß, Zwischen Kruckenkreuz und Hakenkreuz: Tourismuslandschaften während der 1000-Reichsmark-Sperre, 2013, S. 65)

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Autor: Michael Kasper