• Franz Saler Franz Saler

Franz Saler

Montafoner Auswanderer, der im Amerika Karriere machte?

Der Patron Franz Saler - Kirche, Karriere und Konkurs

Im Jahre 1837 ließ sich der Montafoner Maurer Franz Saler in St. Louis nieder, nachdem er sich die ersten drei Jahre nach seiner Einwanderung in Little Falls/NY und Pittsburgh/PA aufgehalten hatte. Mit dieser schrittweisen Orientierung nach Westen folgte er einem gängigen Muster besonders deutschsprachiger Einwanderer. 1808 in Gaschurn geboren, war Saler schon als 14jähriger erstmals auf Wanderschaft und in den folgenden Jahren regelmäßig als Saisonarbeiter in Frankreich. Hier erlernte er das Maurerhandwerk und erfuhr von der Möglichkeit der Auswanderung nach Amerika. Wie auch sein Dorfgenosse Josef Tschanhenz begab er sich 1834 auf die damals noch sehr beschwerliche Ozeanreise. Bei guten Windverhältnissen und deshalb nach nur 38 Tagen kam er in New York an. In Gegensatz zu Saler hatte Tschanhenz allerdings weniger Glück. Wie etliche andere Migranten scheiterte er an den amerikanischen Lebensverhältnissen und am ungewohnten Klima. Kaum ein Jahr nach seiner Ankunft in der Neuen Welt verstarb er in der pennsylvanischen Kleinstadt Canton.[1]

Schon um 1840 begann Saler selbstständig Akkorde zu übernehmen. Für den hier einsetzenden Bauboom war er der richtige Mann zur rechten Zeit und am rechten Ort. Noch in jenem Jahr bekam er den Auftrag zum Bau eines Waisenhauses, wobei er den Koadjutor der Diözese kennenlernte, der wenige Jahre darauf zum Erzbischof erhoben wurde und den Montafoner zum „Baummeister der Diözese“ ernannte. 1844 baute Saler seine erste Kirche, die zugleich das Gotteshaus für die erste deutschsprachige katholische Pfarre von St. Louis wurde. Sein Leben lang sollte St. Mary auch seine private Pfarrkirche bleiben. Das war sein Gesellenstück, dem zahlreiche weitere kirchliche Aufträge folgten. Bei der Kirche St. Vincent de Paul war Saler zusammen mit einem englischen Architekten erstmals auch als Planer tätig.[2] Den Kirchen folgten diözesane Großprojekte wie Spitäler, Klöster und Waisenhäuser. Folgende Zahlen vermitteln eine Ahnung von der katholischen Baukonjunktur: Im Jahre 1838 gab es in St. Louis eine katholische Kirche, in Salers Todesjahr 1893 deren 52.

Als einer der ersten Generalunternehmer war der Baumeister Saler auch am Bezug günstiger Baustoffe interessiert. Deshalb gründete er eine eigene Holzhandelsfirma mit Sägerei und Hobelwerk und erwarb einen Steinbruch. Den Bedarf an Arbeitskräften deckte er zu einem erheblichen Teil mit billigen Neuankömmlingen aus der alten Heimat. Die so genannten „Grünen“, die weder Englisch konnten noch die amerikanischen Arbeitsverhältnisse und neuen Techniken und Gerätschaften kannten,[3] mussten mit einem geringen Lohn Vorlieb nehmen. Zwar war Saler kein Ausbeuter, sondern in vielerlei Hinsicht ein großzügiger Patron, in geschäftlichen Dingen aber durchaus kostenbewusst. Der Lorünser Christian Engstler, der 1853 als Neuer bei Saler anheuerte, beklagte sich in einem Brief nach Hause, dass er bei Saler nur halb so viel verdiene wie bei einem amerikanischen Baumeister.[4] Von den Aufsteigern abgesehen, die bei und mit Unterstützung von Saler Karriere machten, verließen viele den Landsmann, sobald sie sich für die amerikanische Arbeitswelt gerüstet sahen.

Salers wirtschaftlicher Erfolg lag nicht nur in der günstigen Situation, die er vorfand, begründet, sondern auch in seinen unternehmerischen Fähigkeiten, seinem gesunden Hausverstand und seiner Amerika-Eignung. Sein Biograf Franz Josef Battlogg hat den Menschen und Geschäftsmann Franz Saler recht treffend charakterisiert: „Saler besaß viele jener Eigenschaften, welche ihn der Zeitlage gewachsen machten. Er war rührig, anstellig und besaß einen seltenen Speculations- und Unternehmungsgeist; er war dienstfertig und wohltätig, nahm große Gelder ein, war aber auch splendid im Geben und gegen Verluste nicht empfindlich, ein Umstand, der in Amerika viel mehr als in Europa ins Gewicht fällt, wenn ein Mann Geschäfte machen will. Was Saler an Schulbildung und kaufmännischer Durchdringung abging, das ersetzte ihm das Glück dadurch, dass er treue und einsichtsvolle Geschäftsführer in Diensten hatte.“[5]

Und weil er eben „dienstfertig“ und in der moralischen Schuld seines wichtigsten Geschäftspartners, der katholischen Obrigkeit der Diözese St. Louis, war und weil er damit seinen Aufstieg vom Maurer zum angesehenen Geschäftsmann dokumentieren konnte, stieg er auf Anregung des Bischofs ins Verlagsgeschäft ein. Die einzige deutschsprachige Tageszeitung in St. Louis, der in den 1830er Jahren gegründete und angesehene „Anzeiger des Westens“ war nach 1848 ganz liberal und republikanisch geworden. Dem setzten nun die Katholiken mit Salers Geld und unter dessen Leitung die demokratisch-katholische „Tages-Chronik“ entgegen. Saler ließ dafür im Hinterhof seines „Tyrolerhauses“ eine eigene Druckerei errichten. Im Gast- und Bürohaus selbst wurden Redaktions- und Verlagsräume eingerichtet. Die Verlagsprodukte wie die Zeitung, Gebetbücher, Heiligen- und Sterbebilder, Kalender und Schulbücher für die deutsch-katholischen Privatschulen, zudem Devotionalien und Bilderrahmen wurden in einem eigenen Geschäft verkauft.

Ende der 1850er Jahre gehörte Franz Saler zu den wohlhabendsten Bürgern von St. Louis. Nachdem er aber mit und an der Kirche sein Hauptgeld verdient hatte, wurde von ihm auch eine vorbildliche karitative Haltung erwartet. Es gab kaum einen katholischen Verein, in dem er nicht zu den wichtigsten Förderern zählte. Zudem war er Gründungsvorsitzender der Deutschen Sparkasse und Gründungsmitglied der 1843 entstandenen Feuerwehr von St. Louis. Gerade für diese Stadt war es typisch, dass aufgestiegene Deutsche innerhalb ihres ethnischen und religiösen Milieus eine paternalistische Führungsrolle spielten, die durchaus Geld und Zeit kosten durfte. Dazu gehörten auch Bürgschaften für aufstrebende Landsleute und Veranlagungen für kleine Sparer aus der eigenen Firma oder aus der Kirchengemeinde.[6]

Aber Salers Unternehmungen litten zunehmend unter der kriegsbedingten Rezession und unter der politischen Vertrauenskrise seiner Schirmherren. Ihre Gegnerschaft zu Lincolns Partei und Politik hatten der katholischen Kirche Amerikas den Verdacht der  Illoyalität gegenüber der Union eingetragen. Und trotzdem: Noch im Jahre 1870 besaß Saler ein  Vermögen von etwa 70.000 Dollar, dazu Immobilien im Werte von 90.000 Dollar.[7] Mit einem  Vermögen von etwa 10.000 Dollar galt man damals in St. Louis als reich.

Salers deklarierter Reichtum bestand aber schon zu dieser Zeit aus enormen Außenständen, von denen sich in der Folgezeit etliche als uneinbringlich erweisen sollten; und auch der Bauboom schwächte sich ab. Zudem hatte die Anti-Lincoln-Haltung seiner katholischen Blätter nach dem Erfolg der Nordstaaten ihren Herausgeber in öffentlichen Misskredit gebracht. Einen ertragreichen Teil seines Imperiums, nämlich den Holzhandel, hatte er noch während des Krieges an seine Angestellten John Fleitz und Johann Josef Ganahl, der 1856 als 18jähriger aus Schruns zu Saler gekommen war, verkauft. Auch das nicht mehr so rentable Baugeschäft wurde nach dem Bürgerkrieg veräußert, da sich der konservative Unternehmer mit der gesetzlichen Einführung des Zehn-Stunden-Tages nicht anfreunden konnte. In der Folge verlegte  er sich zunehmend auf Geldgeschäfte. Als 1874 eine Brauerei, für die er sich mit 60.000 Dollar verbürgt hatte, in Konkurs ging, wurde Saler mit in den Ruin gerissen. Der alte Baumeister hatte den Überblick über die immer komplexer werdenden Geldgeschäfte und die neuen Geschäftspraktiken verloren und mit seinem Bankrott viele kleine Leute, die ihm ihre Ersparnisse anvertraut hatten, in den finanziellen Untergang mitgenommen.[8]  Sein Verlag, der seit 1851 auch die Wochenzeitung „Herold des Glaubens“ herausgab, wurde in die German Printing and Publishing Association umgewandelt, deren Präsident Johann Josef Ganahl wurde und an der Saler nicht mehr beteiligt war. Seinem Sohn, der als Sänger bekannter war denn als Geschäftsmann, blieb die Druckerei. Sie war ihm offensichtlich vor dem Zusammenbruch übergeben worden. Saler selbst überließ man als Gnadenbrot seinen Kalender „Der hinkende Bote vom Mississippi“. Der Titel hätte als Metapher  auf den alten Saler kaum zutreffender sein können.  Auch seine Vorworte zu den einzelnen Editionen sagten mehr über den Herausgeber als über den Kalender selbst. So etwa sein letztes in der Ausgabe von 1892: „Da wäre er wieder der 'Hinkende Bote', und er macht zum 38ten Male vor dir, lieber Leser, die Reverenz. Obschon er bei jedem neuen Erscheinen um 12 Monate älter geworden, - er läßt sich's nicht merken: er behält seinen heiteren Sinn und will auch Deinen Sinn, lieber Leser, aufheitern mit seinen lustigen Einfällen. Wenn ihn auch das Jahr hindurch manches drückt, der 'Hinkende' zeigt dir gegenüber immer sein heiteres Gesicht: er tut dies Dir zu Liebe […] Verschließe also dem alten Freunde, wenn er dich zu besuchen kommt, Deine Türe nicht, lasse ihn hinein und schaue, was er Neues mitbringt.“[9]

So bescheiden und abgeklärt war er geworden, der einst ein Bauimperium aufgebaut und befohlen hatte, der steil aufgestiegen und tief abgestürzt war. „Papa Saler“, wie er im katholischen Milieu von St. Louis genannt wurde, verkörpert den Typus jenes Einwanderers, der in der amerikanischen Pionierzeit als geschickter Handwerker, patriarchalischer Unternehmer und katholischer Günstling und Geber groß und reich geworden war, der aber dem industriell-kapitalistischen Umbau der amerikanischen Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg zum Opfer fiel. In den gut 30 Jahren aber, als er der Baumeister von St. Louis war, hatte er für die Vorarlberger Amerikawanderung eine einmalige Bedeutung. Nahezu alle Auswanderer aus Vorarlberg, die sich zwischen 1845 und 1853 ins innere Amerika wagten, starteten bei Saler in St. Louis. Viele Montafoner wandten sich auch noch später an den Patron, weil er immer noch Beziehungen hatte und wertvolle Ratschläge erteilen konnte. In seinen guten Jahren profitierte er von den zahlreichen Neuzuwanderern; und diese waren ihrerseits froh, in der relativen Geborgenheit eines landsmannschaftlich geführten Unternehmens in der Neuen Welt ihr erstes Geld verdienen und Fuß fassen zu können. Drei Jahrzehnte lang war Saler die erste Anlaufstation für nahezu alle Montafoner Amerikaauswanderer, etliche haben mit seiner Unterstützung und durch sein Vorbild Karriere gemacht; der größere Teil ist aber Maurer oder Verputzer geblieben, einige konnten sich den Wunsch nach einer eigenen Farm erfüllen. Durch die stets aufrecht erhaltene Verbindung zu seinem Bruder in Gaschurn hat der Bauunternehmer in Missouri dafür gesorgt, dass der „amerikanische Traum“ auch im Montafon lebendig blieb.

Obwohl Franz Saler „unter den Deutsch-Amerikanern einer der prominentesten Namen für die Entwicklung des Katholizismus“[10] war, wurden gerade von dieser Seite seine Verdienste nur mäßig gewürdigt. Denn zum einen wurde in der hierarchischen Kirche Amerikas katholischen Laien in der Regel nur ein sehr geringer Rang beigemessen, und zum anderen wird in einem Land, in welchem der materielle Erfolg über das soziale Prestige entscheidet, ein Bankrotteur schnell aufs Abstellgleis der Geschichte geschoben.

Franz Saler aus Gaschurn hat nicht nur viele typische Seiten amerikanischen Lebens erlebt, er hat sie geradezu verkörpert.

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Autor: Meinrad Pichler; Auszug aus dem Buch: Aus dem Montafon an den Mississippi



[1]     Taufbuch Gaschurn und Battlogg: Saler, S. 7.

[2]     Toft (1988), S. 136; siehe auch: http://www.builtstlouis.net/churches/stvincentdepaul.html (eingesehen 7.3.3013).

[3]     Der handwerkliche Beginn in Amerika sei schwierig, „theils wegen der Verschiedenheit der Mittel und Werkzeuge, die man in Amerika verwendet, theils, weil man sehr vieles ganz anders zur Hand nimmt“, schrieb ein Korrespondent des Vorarlberger Volksblatts am 12.3.1867; „Beim ersten Anblick findet man vieles Handwerkszeug dumm und ungeschickt, auch andere Gerätschaften; nach einem Jahre aber, oder Monaten, findet man alles sehr passend und geschickt.“ So Christian Engstler am 30.3.1854 an seinen Bruder.

[4]     Christian Engstler Brief vom 7.8.1853 aus Dubuque (Original Ernst Zech).

[5]     Battlogg: Saler, S. 8 f.

[6]     Vgl. Olson (1972), S. 356.

[7]     NA Washington, US Census 1870, Missouri, City of St. Louis.

[8]     Siehe Battlogg; Saler, S. 26.

[9]     Zit. nach Battlogg: Franz Saler, S. 13

[10]   Faherty (1981), S. 86.

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