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  • Eröffnung der Wiesbadener Hütte 1896 (Montafon Archiv) Eröffnung der Wiesbadener Hütte 1896 (Montafon Archiv)

Essen und Trinken auf der Wiesbadener Hütte vor dem Ersten Weltkrieg

Ein Beitrag über die Ernährung auf alpinen Schutzhütten in der Frühzeit des Alpinismus.

„Ein alpines Mahl […] gehoben durch die Spenden edlen Traubenblutes vom Rhein…“

Über Jahrhunderte vermieden es die Menschen, weiter als unbedingt nötig in die unwirtliche Bergwelt vorzudringen. Dennoch waren die Montafoner Bauern gezwungen, den gesamten Vegetationsraum des Tales auszunutzen, um ihren Familie das Überleben zu sichern, weshalb sie im Sommer Alpen auf 2.000 Metern bewirtschafteten. An ein Besteigen der umliegenden Berggipfel dachten sie dabei nicht.

Ab den späten 1850er Jahren wurden jedoch in ganz Europa Alpenvereine gegründet und die Zahl der Alpinisten stieg kontinuierlich. Da die Distanz zwischen den Talorten und den Berggipfeln oft sehr groß war, machten es sich die Alpenvereine zu einer ihrer Hauptaufgaben, Alpenvereinsschutzhütten zu errichten, um die Alpinisten mit Nahrung zu versorgen und um ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. Ältestes Vorarlberger Beispiel dafür ist die 1871 von der Sektion Vorarlberg errichtete Douglasshütte am Lünersee, die als erste Hütte des gesamten Deutsch-Österreichischen Alpenvereins (DÖAV) bewirtet war. Zahlreiche weitere Hütten folgten in den Jahrzehnten danach.[1]

Die Wiesbadener Hütte mit dem Großen und Kleinen Piz Buin
Sektion Wien des DÖAV (HG.): Die Schutzhütten und Unterkunftshäuser der Ostalpen. Dresden 1909-1911 42 Lieferungen). Lieferung 38

Eine von ihnen ist die Wiesbadener Hütte, die 1895/96 von der Sektion Wiesbaden auf 2.443 Metern Seehöhe errichtet wurde. Bei ihrer Eröffnung verfügte die Hütte über 13 Schlafplätze. Der gute Besuch der Hütte führte recht rasch zu einer Erweiterung, weshalb die Hütte ab 1903 über 42 Schlafplätze verfügte.

Die Eröffnung der Wiesbadener Hütte im August 1896 war ein rauschendes Fest. Die Feierlichkeiten begannen bereits am 20. August im festlich geschmückten Gasthaus des Herrn Mattle in Galtür im Paznaun und wurden am Folgetag auf der Hütte selbst fortgesetzt. Dort hielten neben dem Vorsitzenden der Sektion Wiesbaden zahlreiche Vertreter anderer Sektionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Festreden. Im Anschluss an die Reden gab es ein „alpines Mittagessen“. Aufgrund der großen Anzahl von Teilnehmern – laut Sektionsjahresbericht waren es weit über 100 – musste in mehreren Schichten gegessen werden, was der allgemeinen Freude jedoch keinen Abbruch tat. Schließlich waren von den Mitgliedern ca. 100 Weinflaschen gespendet worden. Georg Juen schrieb in einem Aufsatz anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Hütte unter Berufung auf alte Rechnungen sogar, „daß 200 Flaschen Rheinwein geleert wurden, bevor man sich wieder auf den Abstieg zum Madlenerhaus sowie nach Galtür und Gaschurn machte“.[2]

Preisliste für die Wiesbadener Hütte von 1907
Jahresbericht der Sektion Wiesbaden von 1907. S. 13.

Ähnlich ausgelassen dürften die Feierlichkeiten bei der Eröffnung der erweiterten Hütte am 1. August 1903 gewesen sein, denn der langjährige Sektionsvorsitzende Emil Veesenmeyer schrieb in der Sektionsfestschrift von 1907: „[…] ein alpines Mahl, gewürzt mit trefflichen Reden und gehoben durch die Spenden edlen Traubenblutes vom Rhein vereinigte die Festteilnehmer, und je ungemütlicher der Schneesturm draußen um die Hütte tobte, je gemütlicher und wärmer war die Stimmung drinnen in der Hütte.“[3]

In beiden Fällen wird das „alpine Mahl“, abgesehen vom beachtlichen Weinkonsum, nicht genauer beschrieben. Ein Blick in die Speisekarte der Wiesbadener Hütte von 1907, die dem Sektionsjahresbericht jenes Jahres entnommen wurde, bezeugt jedoch, was es kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf Alpenvereinsschutzhütten zu essen gab. Die Preise sind in der damaligen österreichischen Währung (Kronen und Heller) angegeben.



[1] Andreas Brugger: Die Geschichte des Alpinismus in der Silvretta. Die sozialgeschichtliche Bedeutung von Alpenvereinsschutzhütten von den Anfängen bis 1914. Phil. Diss. Innsbruck 2013.

[2] Georg Juen in: Ebd. S. 332.

[3] Emil Veesenmeyer in: Ebd. S. 337f.

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Autor: Andreas Brugger; veröffentlicht: 21.5.2021

[Ursprünglich erschienen in: Brugger, Andreas, Werner Matt und Katrin Netter (Hrsg.): Alte Wirtshäuser und Geschichten rund um die Ernährung in Vorarlberg. Zwei Ausstellungen des Arbeitskreises Vorarlberger Kommunalarchive. Dornbirn, Egg, Schruns 2018. S. 156-159.]

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