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  • Auszug aus dem Sterbebuch St. Gallenkirch 1801: Todesursache fast ausschließlich "Blatern" (c) VLA Auszug aus dem Sterbebuch St. Gallenkirch 1801: Todesursache fast ausschließlich "Blatern" (c) VLA

Einführung der Pockenimpfung im Montafon um 1805

Vor über 200 Jahren wurden im Montafon die ersten Impfungen - damals gegen die Pocken - durchgeführt. Quarantänemaßnahmen gegen die Seuche, eine gewisse Impfskepsis und Informationskampagnen durch die Regierung gab es auch damals.

In den Jahren um 1800 kam es im Montafon mehrfach zu schwerwiegenden Ausbrüchen der Blattern (Pocken), die insbesondere Kleinkinder im Vorschulalter betrafen.

So starben allein im Jahr 1801 in der Pfarre St. Gallenkirch, in der damals ungefähr 1.500 Menschen lebten, 37 Personen an dieser Krankheit. Vier Kinder waren nicht einmal ein Jahr alt, 27 zwischen einem und unter fünf Jahren alt und sechs zwischen fünf und zehn Jahren alt.[1] (Vgl. auch Abbildung oben)

Nahezu zur selben Zeit wurde in anderen Regionen der Habsburgermonarchie die Kuhpockenimpfung eingeführt. Auch in Vorarlberg kam es bald darauf zu ersten Impfkampagnen, doch war deren Erfolg vorerst nicht überall im gleichen Ausmaß gegeben: Während die Impfung 1806 im Landgericht Bregenz weit verbreitet war, konnten in Bludenz und Umgebung nur mäßige Erfolge verzeichnet werden, da der Impfstoff dort von mangelnder Qualität war.[2] Dementsprechend grassierte die Seuche noch 1806 in Schruns, sodass dort 25 Kinder an den „Blatern“ verstarben.[3] Das bayerische Landgericht musste eingestehen, dass die Impfungen vernachlässigt worden und deshalb viele Kinder ums Leben gekommen waren.[4]

Insgesamt waren in den Jahren 1806 und 1807 im gesamten Gebiet von Vorarlberg (Landgerichte Bregenz, Dornbirn, Feldkirch, Innerbregenzerwald, Montafon, Sonnenberg, Weiler) sowie in den angrenzenden Landgerichten Lindau, Leutkirch und Tettnang 1.316 Kinder an den Pocken gestorben, während im übrigen Teil der Provinz Schwaben, in der die Impfungen schon früher eingeführt worden waren, nur 54 Todesopfer zu verzeichnen waren. Auch erfolgten die Meldungen über die hohe Sterblichkeit erst verzögert und so wurden verspätet Gegenmaßnahmen wie die Verhängung einer Quarantäne sowie die Durchführung der Impfungen umgesetzt.[5]

Auf der Basis einer Verordnung vom 26. August 1807 wurde angeordnet, dass Kinder ab drei Jahren jeweils bis zum 1. Juli des Jahres zu impfen seien.[6] Vor diesem Hintergrund ging die Obrigkeit nunmehr verschärft gegen Eltern vor, welche die Impfung ihrer Kinder verweigerten:

„No. 18 Actum Schruns am 12 Sept 1807 […]
Franz Josepf Keßler von Tschagguns hat mit Widersetzlichkeit und Boßheit seine 2 Kinder der Impfung vorenthalten, und sich noch überdieß herabsetzend schmähend gegen die Blattern Impfung verlauten lassen. Bei seiner heutigen Vorrufung konnte er sich mit gar nichts entschuldigen und mußte seine Boßheit eingestehen
Resolutum:
Solle Keßler von Heute an täglich für jedes seiner 2 Kinder 24 x- Straf bezahlen bis er sich von dem Landphysikus Bertsch wird durch ein Zeugniß ausgewiesen haben, daß dieselben wirklich geimpft sind.“[7]

Außerdem wurden vermehrt Informationsblätter in hoher Auflage gedruckt.[8] Ein Erfolg dieser Maßnahmen schien sich recht bald einzustellen, denn schon 1808 berichteten die Vorarlberger Beamten, dass das „Vorurtheil der Weiber in den hochen Bergen und in abgelegenen Dörfern und Orten“ gegenüber den Impfungen überwunden sei.[9] Trotzdem wurden auch in den folgenden Jahren noch Listen jener Kinder erstellt, die nicht zur Impfung erschienen waren.[10] In Summe wurden in der gesamten bayerischen Provinz Schwaben, zu der auch Vorarlberg gehörte, in den Jahren 1806, 1807 und 1808 84.503 Kinder geimpft.[11]

Wenige Jahre später, als 1816/17 in weiten Teilen Mitteleuropas eine große Hungersnot herrschte, wurden überdies Einreisebeschränkungen mit der Pockenimpfung verknüpft: Schwabenkinder durften ihre Wanderung nur noch antreten, wenn sie ein entsprechendes Attest vorweisen konnten.[12]

Insgesamt führten die ergriffenen sanitätspolitischen Maßnahmen zu einer Eindämmung der Pocken und es kam in weiterer Folge im Montafon zu keinen größeren Krankheitsausbrüchen mehr.



[1] VLA, 709/2 Sterbebuch St. Gallenkirch 1785-1875.

[2] Weitensfelder, Industrie-Provinz, 61f.

[3] VLA, 461/4 Sterbebuch Schruns 1784-1918.

[4] Weitensfelder, Industrie-Provinz, 62.

[5] Wetzler, Ueber das Medizinalwesen, 126.

[6] Wetzler, Ueber das Medizinalwesen, 127.

[7] MA, Gerichtsprotokoll 1806-08.

[8] Wetzler, Ueber das Medizinalwesen, 126.

[9] Weitensfelder, Industrie-Provinz, 62, FN 60.

[10] VLA, GA Schruns 07.03.

[11] Kopp, Jahrbuch der Staatsarzneikunde 3, 291.

[12] Sutterlüti, „Jammer, Elend und Noth!“, 22.

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Autor: Michael Kasper, 26.4.2021

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