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Die spanische Grippe 1918/19 im Montafon - Teil B

Höhepunkt der Grippe im November/Dezember 1918.

Verlauf

Im Laufe des Novembers verbreitete sich die Infektion rasch in allen Ortschaften und forderte auch zahlreiche Menschenleben. Die Gemeinden St. Gallenkirch, Vandans und Schruns waren besonders stark betroffen:

St. Gallenkirch: „Die heimtückische Grippe hat sich nun auch in unserem Tale eingefunden. In dieser Woche hatten wir sogar 4 Leichen: ein Kind und drei Erwachsene; nämlich Katharina Kasper Gortipohl, Witwe Josefa Bahl und Anna W. Wachter, alle Opfer der Grippe. Es liegen derzeit manche krank darnieder, die Grippeferien wurden aufs neue verlängert. Möge uns diese heimtückische Krankheit vor weiteren Todesopfern verschonen.“[1]

Vandans: „Die Grippe forderte hier als Opfer den jungen Familienvater Johann Krug (28 Jahre), der kaum 14 Tage früher mit der Familie von Brixen kommend seine neu erworbene Heimat bei der Kapelle in Vens bezogen hatte. Auch in der Schule spuckt [sic!] sie. Die beiden Lehrschwestern sind erkrankt und einige Kinder, weshalb die erste Klasse geschlossen ist, während die oberen Klassen Halbtags-Unterricht haben.“[2]

Schruns: „Die Grippe forderte leider auch schon Opfer, so starb in der letzten Woche Witwe Mugg von Gamprätz, eine brave, christliche Mutter. Fast in jedem Hause sind kranke Leute, mitunter auch Schwerkranke. […] Herr Pfarrer Müller vom Thüringerberg (ehemals Frühmesser von Schruns), welcher zur Zeit schwer krank darniederliegt, wurde heute in der Kirche den Gläubigen dem Gebete empfohlen [und verstarb auch kurz darauf].“[3]

Im November waren demnach die Schulen in Schruns, St. Gallenkirch und Vandans teilweise geschlossen. Aus Tschagguns wurde Mitte November berichtet, dass die Grippe „im Absterben“ sei und ins Silbertal weiterziehe.[4] Tatsächlich wurde ebendort kurz darauf gemeldet, dass „die böse Grippe zwei junge Menschenleben dahin[raffte]“.[5] In St. Gallenkirch war Ende November ein weiteres tragisches Opfer der Grippe zu vermelden:

„Gestern [24.11.] wurde dahier als fünftes Opfer der Grippe zu Grabe getragen die junge Ehegattin Cäzilia Düngler, geborene Stemer. Noch nicht sind es drei Wochen her, daß sie die Hand zum Ehebunde gereicht hatte. Sie ruhe in Frieden.“[6]

Diese Artikel verdeutlichen, dass die Zeitgenossen von der hohen Sterblichkeit der Spanischen Grippe tief beeindruckt waren. Obwohl ein Zeitungsbericht zur allgemeinen Lage im Montafon festhielt, „von der Grippe hört man nicht mehr so viel“[7], wurde zur selben Zeit aus Tschagguns berichtet, dass die Grippe immer noch „einige Häuser besetzt“ halte.[8] Und Anfang Dezember wurde dann ein dramatischer Artikel aus Vandans veröffentlicht:

„Während die Zahl von 6 Sterbefällen innerhalb der ersten 9½ Monate 1918 im Verhältnis zu anderen Jahren eine niedere Sterblichkeitsziffer bedeutete, raffte die Grippe seit dem 22. Oktober 9 Personen in der einzigen Woche vom 26. November bis 3. Dezember sieben Personen hinweg und riß zum Teile sehr schmerzliche Lücken. Besonders hart wurde die Familie des Herrn Gemeindevorstehers Franz Josef Bitschnau mitgenommen. Am 28. Nov. starb ihm ein Mädchen im Alter von 8½ Jahren, am 23. (tags darauf) ein Sohn von 20 Jahren und am 2. Dezember folgte leider auch im Alter von 47 Jahren die treubesorgte, brave Mutter ihren vorausgegangenen Kindern im Tode. –
Eine sehr schmerzliche Lücke entstand auch durch den Tod des 45 Jahre alten Familienvaters Alois Platzer, Streckenwärter bei der Montafonerbahn. Platzer war ein Familienvater, wie man deren wohl wenige treffen dürfte; nicht bloß fleißig und sparsam und umsichtig in der Sorge für den Unterhalt der Familie, er scheute daheim in den dienstfreien Stunden auch solche häuslichen Arbeiten nicht, die sonst wohl selten ein Familienvater auf sich nimmt. Außer den vier Vorgenannten starb ein Kind mit 2 Jahren, die 75 Jahre alte Franziska Nuderscher und der 31 Jahre alte Peter Stemer. Heute starb das 19 Jahre alte Mädchen Stephanie Purtscher. Seit 22. Oktober der 9 Sterbefall an Grippe. Möge dieser unheimliche Gast bald verschwinden.“[9]

Es ist nachvollziehbar, dass der Umstand, dass wiederholt mehrere Familienmitglieder erkrankten und in kurzem Abstand nacheinander starben, die Menschen in der Region tief beeindruckten.

Im Laufe des Dezembers sanken die Infektionsfälle dann deutlich, sodass zu Weihnachten aus Bartholomäberg berichtet werden konnte:

„Nun hat sich die Grippe endlich in unserer Gemeinde etwas verloren, nachdem sie monatelang ihr Unwesen getrieben hatte. Gar manche Familie wurde derart von der Grippe befallen, daß kein Familienmitglied mehr übrig blieb, das die andern hätte pflegen können.“[10]

Die aus Lorüns stammende Missionsschwester Rita (Paulina Schuler) schrieb zur selben Zeit aus den Vereinigten Staaten an ihre Familie in der Heimat und berichtete über die dramatische Situation in Übersee:

„Haust die schreckliche Influenza (Grippe) in Vorarlberg auch? Hier in Amerika hat sie schon viele Opfer gefordert; besonders unter den jungen Männern herrscht sie schrecklich. Ganze Waggone mit Särgen wurden schon von den Kasernen in die Heimat befördert. Ganze Familien sind krank und in vielen hat der Tod Einzug gehalten. Auch manche meiner lieben Mitschwestern sind erkrankt im Mutterhause und in den Missionen, zwei sind gestorben im Laufe von 10 Tagen.“[11]



[1] VV, 17.11.1918, S. 5.

[2] VV, 14.11.1918, S. 4.

[3] VV, 14.11.1918, S. 4.

[4] VV, 17.11.1918, S. 5.

[5] VV, 23.11.1918, S. 3.

[6] VV, 28.11.1918, S. 3.

[7] VV, 1.12.1918, S. 4.

[8] VV, 29.11.1918, S. 3.

[9] VV, 11.12.1918, S. 3.

[10] VV, 24.12.1918, S. 3.

[11] VV, 6.2.1919, S. 3.

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Autor: Michael Kasper

19.11.2020

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