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Bericht über einen Gaschurner Krautschneider

Ein Zeitungsartikel über einen langjährigen Krautschneider aus Gaschurn aus dem Jahr 1872.

Ein Bericht aus dem Jahr 1872, in dem anlässlich eines „Krautschneider-Jubiläums“ über dessen Erinnerungen und Perspektiven auf die Tätigkeit des Krautschnitts reflektiert wurde:

Aus Montafon, 17. Juni. In Gaschurn wurde heute eine Jubelhochzeit gefeuert, was hier schon seit mehr als 30 Jahren nicht vorkam, und auch für die nächsten 20 Jahre gar nicht in Aussicht steht. […] – Gegenwärtiger Jubilant B. Brunold hat das 80. Lebensjahr erfüllt und ist seines Zeichens ein Krautschneider. Das ist hier etwas Gewöhnliches, aber das Seltene ist das, daß Bartholomä Brunold vergangenes Jahr den sechzigsten Krautschnitt gemacht hat. Das ist eine Zahl und will sagen: unser Brunold hat sechzigmal die Reise von Gaschurn nach Westphalen und den Niederlanden gemacht und dort drunten den Herren- und Bauerleuten ihre Krautköpfe zusammengehobelt. Wie viele Köpfe mögen wohl vor unserem Krautschneider gefallen sein? Nimmt man von den 8-9 Wochen, so lange dauert die Krautschneiderei, nur 48 Arbeitstage an, und setzt man die Zahl der Krautköpfe, welche einer täglich schneidet, auf 2000 an, so fallen auf den jährlichen Feldzug 96.000 Köpfe und in 60 Jahren 5.760.000 Häupter, eine höchst respektable Zahl, vor der die Gesammtmacht von Deutschland und Frankreich noch zurückstehen muß.
So ein Krautschneider lebt aber auch die Wandlungen der Zeiten vollkommen mit, er ist ein Weltkind und hat ein doppeltes Vaterland; denn er ist auf seiner Krautschnittstation ebenso zu Hause als in seinem Geburtsorte und fühlt sich dort nicht selten heimischer und glücklicher als hier und kann oft von den guten und gebildeten Leuten der Fremde nicht genug erzählen. Zieht im Herbste der Krautschneider, auch der ‚Tiroler‘ genannt, wieder ein, da entsteht ein Leben wie im Frühlinge, wenn die Schwalben kommen. Durch die Gassen auf und ab läuft es: unser Tiroler ist wieder da, und die Kinder und die Hausfrauen begrüßen ihn mit der Hand und erkundigen sich ernstlich, ob auch seine Frau noch lebe etc. Sind dann die Jahresneuigkeiten gegenseitig verglichen, schaaren sich um unsern Krautschneider die Mägde und Köchinnen und machen ihre Bestellungen. Unser Krautschneider hat überall Zutritt, bei der Gräfin und dem Baron ist er ebenso willkommen als in der Bauernhütte. Versteht er noch der Jungfer Köchin schön zu thun, so ist ihm der Schoppen doch gewiß, wenn ihn auch etwa die Herrschaft vorenthalten hätte.
Früher machten unsere Krautschneider den Weg in die Welt hinaus zu Fuß und brauchten, täglich 12 Stunden zurücklegend, circa 18 Tage bis sie niederländisches Gebiet betraten, jetzt benützen sie natürlich auch die Eisenbahn und 2 Tagen genügen für diese Reise. Das ist also eine bedeutende Veränderung zu Gunsten des Krautschneiders wird man sagen. Das Verhältnis steht aber für diesen nicht gar so günstig als man meinen möchte. Früher nahm er in Gaschurn 5 Thaler à 2 fl. 42 kr. s. b. in den Sack und wann er in Westphalen angekommen war, hatte er zum Wenigsten noch 1 Thaler übrig. Jetzt bedarf er wenigstens 18–20 fl. und ist ihm noch schlecht und übel dabei. Man darf aber nicht glauben, daß der Krautschneider früher fechtend durch die Welt gereist sei, sondern er hat das, was er bei seinen Wirthen angeschafft hat, ehrlich und genau von seinen 4 Thalern bezahlt. Nur ist nicht zu übersehen, daß der Reisende zu Hause noch ein Gepäck von allerlei Viktualien zu seinem Hobel mit auf den Rücken schnürte, Käse, Butter, Würste, Speck und was so eine anständige ‚Husröche‘ in sich birgt. Mittags kehrte er dann im Gasthause ein, ließ sich ein Glas Bier bringen und breitete ganz ungenirt seine Reiseküche auf dem Wirthstische aus. Abends bestellte er sich eine Suppe und diese kostete ihn ihre 2 Batzen sammt Brod (8 kr.) und das Bett 2–3 Batzen, während er jetz t1 fl. zahlen kann. Man sieht also, daß die Geschwindigkeit der Kommunikation und das Zeitersparnis beim Reisen für den Krautschneider nicht lauter Profit ist, und das um so weniger, als durch den leichten Verkehr es mitunter auch dahin gekommen ist, daß auch der Niederländer, der Lothringer, Elsäßer, Ungar, Böhme u. s. w. aus Montafon sich selbst seine Krauthobel zuschicken lassen, und der Bürgermeister der Stadt zum Nutzen des einheimischen Krauthoblers dem Tiroler das ehrliche Handwerk auszuüben untersagt hat. Was aber den Montafoner noch rettet, ist der Umstand, daß er einerseits das Kraut feiner schneidet als der Einheimische und daß andererseits die Kunst, den Hobel zu repariren, dem Montafoner ein natürliches Privilegium geblieben ist.[1]



[1] Bote für Tirol und Vorarlberg 58. Jg., Nr. 144 v. 25.6.1872, S. 3f.

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Autor: MIchael Kasper

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