Sie sind hier: Startseite / Kultur & Wissenschaft / Neuigkeiten Kultur & Wissenschaft / Trauma an der Ostfront

Trauma an der Ostfront

Auszüge aus Artikeln in Vorarlberger Medien der Jahre 1914-18 werden in einer Reihe vorgestellt, um Einblicke in die Zeit vor 100 Jahren zu geben.

Die Kaiserjäger, in deren Reihen viele Montafoner kämpften, verbluteten gleich in den ersten Monaten des Ersten Weltkrieges zu Tausenden in Galizien: Ein Schock, von dem sich nicht nur die Armee nicht mehr erholte. Auch die Stimmung an der „Heimatfront“ kippte bald. Insbesondere, als der erste Kriegswinter über die völlig mangelhaft ausgerüsteten Truppen hereinbrach, setzte eine breite Desillusionierung bei den Soldaten sowie im Hinterland ein. Über Feldpostbriefe, die Erzählungen von Verwundeten und die immer häufigeren Todesnachrichten war bald klar, was der Krieg wirklich bedeutete. Wiederum werden Auszüge aus zeitgenössischen Artikeln in Vorarlberger Medien der Jahre 1914-18 vorgestellt, um Einblicke in die Zeit vor 100 Jahren zu geben.

Gortipohl, 6. Dez. (Aus Kriegstagen.) Vom galizischen Kriegsschauplatz ist die amtliche Meldung eingelangt, daß der Ersatzreservejäger Emil Marlin laut Mitteilung des k. u. k. Feldspitales 8/14 am 25. Oktober infolge eines Kopfschusses gestorben sei. Das ist bereits der 2. aus unserem kleinen Orte, der für Österreichs Ehr und Wehr den Heldentod gefunden hat. Sein Bruder Erwin, der als Sanitäter nach Galizien kam, hat schon lange nichts mehr von sich hören lassen. Wer weiß etwas von ihm? Nachrichten sind erbeten an die Kuratie Gortipohl.

Silbertal, 8. Dez. (Aus Kriegstagen.) Für die im Felde stehenden Soldaten wird hier viel gebetet. Die Leute zeigen auch Opferwillen; konnten doch 90 K[ronen] für Kriegsfürsorge und 7 K für „Weihnachten im Felde“, 125 Paar wollener Socken, 4 Hemden, 3 Schneehauben, 3 Handtücher, 2 Leintücher, Charpie [Wundverbandmaterial, das aus Fasern bestand, die durch Zerzupfen von Baumwoll- oder Leinenstoffen gewonnen wurden] und Verbandzeug, 40 Paare Fußlappen versendet werden. Die Naturalspenden wurden durch die Arbeitsstube der Jungfrauenkongregation Schruns versendet. – Über den Kriegsverlauf wird an den Sonntagabenden nach der Kriegs-Betstunde in Plauderstuben berichtet, welche unser Herr Pfarrer G. Nagel abhält. Gar mancher Bär, der zum Tal hereingetragen wurde, wird hier erlegt. Die Plauderstuben dienen auch dazu, die Leute wieder zu ermutigen. Tatsächlich ist auch die Stimmung im allgemeinen gut.

Schruns, 14. Dez. (Für die Krieger.) Unsere Schulkinder, besonders die Mädchen beteiligten sich mit Eifer an der Fürsorge für unsere Krieger; ihre Arbeit sind 140 Pare Socken, 70 Halsbinden, 20 Paare Pulswärmer, 18 Schneehauben, 40 Kilo Charpie und 40 Kilo Tee. Brav!

Schruns, 20. Dez. (Aus Kriegstagen.) Auf dem nördlichen Kriegsschauplatze bei Wasylow ist im Kampfe für das Vaterland Jakob Tagwercher im 27. Lebensjahre gefallen. Der Verstorbene hinterläßt die Witwe mit einem kleinen Kinde. – Sein Bruder, der 21jährige Josef Tagwercher, erhielt fürsein tapferes Verhalten vor dem Feinde die silberne Tapferkeitsmedaille. – Die 97jährige Witwe Anna Mria Fitsch, geborene Kieber, deren Ableben bereits gemeldet wurde, war noch am Vorabend des Todestages mit Strumpfstricken für die Soldaten beschäftigt. Noch drei Schrunser Frauen haben das 90. Lebensjahr überschritten.

(Michael Kasper)