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Projekt: Armut und Reichtum

Projekt: Armut und Reichtum im alpinen Raum in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Montafons

Mitte Dezember wurde im Rahmen eines Festaktes der Hypo Tirol Bank Forschungsförderungspreis 2010 vergeben. Unter anderem erhielt der Historiker Michael Kasper den Förderungspreis für das Projekt „Armut und Reichtum im alpinen Raum in der Frühen Neuzeit am Beispiel des Montafons“.

Aktuellen Ansätzen in der Geschichtsschreibung folgend beschäftigt sich dieses Projekt mit der frühneuzeitlichen Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte einer alpinen Region am Beispiel des Montafons. Da die Sozialgeschichte der ländlichen Berggebiete weitgehend aus dem Blick der Forschung geriet, setzt dieses Projekt bei diesem Mangel an und nähert sich über noch nie ausgewertete Quellen den dort herrschenden sozialen und politischen Verhältnissen vom 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert. Der Entwurf eines umfassenden sozial- bzw. wirtschaftsgeschichtlichen Profils des Untersuchungsraumes bedarf einer breit erschlossenen Quellenbasis. Das Projekt soll die Basis für die sozialgeschichtliche Aufarbeitung des komplexen Mikrokosmos der Gesellschaft des Montafons in der frühen Neuzeit bieten, denn mit Hilfe der erhobenen Daten können Rückschlüsse auf soziale Strukturen und gesellschaftliche Transformationsprozesse gezogen werden.

Bis in das beginnende 19. Jahrhundert war die Ämterstruktur im Montafon noch wesentlich in der Tradition der frühen Neuzeit verhaftet. Das bedeutet, dass die regionalen Verwaltungsinstitutionen durch einen hohen Grad an kommunaler Autonomie geprägt waren. Die Landbewohner wurden durch die Übernahme lokaler Ämter und durch die Einrichtung der Gemeindeversammlung stark in Verwaltung und Rechtsprechung miteinbezogen.

Ein besonders wichtiges politisches Gremium der Talschaft Montafon stellte die Versammlung der so genannten Geschworenen dar. Beim Tod eines solchen Amtsträgers wurden von der Gemeindeversammlung des betreffenden Kirchspiels zwei bis drei Männer vorgeschlagen, aus denen die Obrigkeit dann einen neuen Geschworenen auswählte.

Jede Pfarrgemeinde war mit einer bestimmten Anzahl von Deputierten im Rat der Geschworenen vertreten. Aus diesem Gremium wurden dann jedes zweite Jahr im September oder Oktober „zwei ehrbare Biedermänner“ gewählt, die geloben mussten, „nach bestem Verstande und Vermögen des Tales Nutzen zu fördern und Schaden zu wenden, damit sie vor Gott und der Obrigkeit sich darüber verantworten könnten“. Diese beiden Amtsträger, die „Vorgesetzte“ genannt wurden, führten die Geschäfte der Talschaft, vertraten ursprünglich gemeinsam mit einem Landschreiber den Stand Montafon auf den Landtagen und wurden jeweils für zwei Jahre gewählt. Aufgrund der Wahl der Vorgesetzten durch eine Gruppe von Geschworenen aus den verschiedenen Dörfern kann man von ihnen nicht als Vertretern der Bevölkerung sprechen. Aber nicht einmal an den allgemeinen Gemeindeversammlungen war das gesamte „Volk“ beteiligt, da dort lediglich Männer stimmberechtigt waren. In erster Linie werden im Rahmen des Projekts die höchsten regionalen Amtsträger, die Landammänner, die Vorgesetzten und die Landschreiber sowie nach Möglichkeit auch die Geschworenen erhoben und in einer Datenbank erfasst. (Michael Kasper)