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Montafoner Erzähltradition

Montafoner Erzähltradition: Immaterielles Kulturerbe?

Montafoner Erzähltradition: Immaterielles Kulturerbe?

Seit 2009 geistert immer wieder der Begriff des „immateriellen Kulturerbes“ durch die Medien. Zuletzt fand im Jänner die Austragung (!) des „Wiener Balles“, der auch den umstrittenen Burschenschafter-Ball beinhaltete, aus der entsprechenden Liste reichlich mediale Resonanz. Konkret geht es um das „Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich“, in das aus Vorarlberg in den letzten Jahren zum Beispiel der Funkensonntag, die Vorarlberger Flurnamen, die Dreistufenlandwirtschaft im Bregenzerwald, oder die Bodensee-Radhaube in Laméspitze aufgenommen wurden. Hierbei handelt es sich um Traditionen, die als erhaltenswert betrachtet werden, und die aus diesem Grund auf die sogenannte „Nationale Liste des Immateriellen Kulturerbes in Österreich“ gesetzt werden, um auf ihre Besonderheit aufmerksam zu machen und Bewusstsein für sie zu schaffen.

Auch das Montafon verfügt über verschiedene Eigenarten und Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Ein Beispiel dafür stellen etwa für das Montafon typische Erzählungen dar. Im Tal wurden während der letzten zehn Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zur Erzähltradition vorgenommen. Über 200 Personen wurden in über 250 Tonaufnahmen zu ihrem Leben und der Geschichte des Tales befragt. Bei eingehender Betrachtung dieser Erzählungen wird deutlich, dass es bis heute bestimmte Erzähltraditionen gibt, die von alten wie von jungen Menschen praktiziert und gepflegt werden. Bereits im 19. Jahrhundert wurden typische Montafoner Sagen von Franz Josef Vonbun, und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Richard Beitl aufgezeichnet. Die Montafoner Erzähltradition macht aber nicht bei Sagen und sagenartigen Erzählungen Halt: Geschichten über die Ahnen, die saisonal nach Frankreich auswanderten um zu arbeiten, sind ebenso Bestandteil dieser Erzähltradition, wie Geschichten vom Maisäßleben, vom Heuziehen im Winter, oder von Lausbubenstreichen in der Schule. Erzähltraditionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehen sich beispielsweise auf den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und die Anfänge des Tourismus.

Die frühen Aufzeichnungen der Sagensammler stellen gemeinsam mit dem ZeitzeugInnenarchiv-Montafon eine umfangreiche Dokumentation der Montafoner Erzähltradition dar. Aus diesem Grund bemühen sich Schruns-Tschagguns Tourismus, der Stand Montafon und die Montafoner Museen unter Begleitung der Kulturwissenschafterin Edith Hessenberger um eine Anerkennung der Montafoner Erzähltradition als Immaterielles Kulturerbe bei der Nationalagentur der UNESCO-Kommission.

Die Einreichung des Antrags erfolgte Ende Dezember 2011. Ein Fachbeirat - bestehend aus VertreterInnen von fünf Bundesministerien, der neun Landeskulturabteilungen sowie zehn ExpertInnen aus Sozial-, Kultur- und Naturwissenschaften - entscheidet halbjährlich über die Aufnahme von Traditionen in das Nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes und über ihre Nominierung für eine der internationalen Listen gemäß der UNESCO-Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. Mittlerweile zählt das gesamtösterreichische Verzeichnis 51 Eintragungen.

Eine Aufnahme der Montafoner Erzähltradition in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich als "mündliche überlieferte Ausdrucksform" (als die bislang österreichweit erst sieben Traditionen anerkannt wurden) kann wesentlich zur Anerkennung dieser Überlieferung sowie der gesamten Region auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene beitragen, internationale Zusammenarbeit unterstützen, und durch das verstärkte Schaffen von Bewusstsein für den Stellenwert von Erzählen und Erzählungen den Respekt vor diesem immateriellen Kulturerbe des Tales nachhaltig sichern. (eh)