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Der erste Kriegswinter beginnt…

Auszüge aus Artikeln in Vorarlberger Medien der Jahre 1914-18 werden in einer Reihe vorgestellt, um Einblicke in die Zeit vor 100 Jahren zu geben.

Im Sommer 1914 brach für die meisten völlig unerwartet der große Krieg aus. Dem Schock über die Ermordung des Thronfolgerpaares folgte im Montafon die Sorge um die vielen in Frankreich befindlichen Saisonarbeiter. Nach und nach rückten immer mehr Männer an die Front ein und der Euphorie der ersten Tage und Wochen folgten bald unerwartet hohe Verlustmeldungen. Wiederum werden Auszüge aus zeitgenössischen Artikeln in Vorarlberger Medien der Jahre 1914-18 vorgestellt, um Einblicke in die Zeit vor 100 Jahren zu geben.

Schruns, 11. Okt. (Von unseren Kriegern.) In der vergangenen Woche sind als verwundet auf kurzen Urlaub angekommen Otto Mathies und Jakob Weckerle. Morgen reist zum drittenmale Jakob Salzgeber nach Galizien ab, wo auch sein Bruder Albert im Felde steht. Der 50 Jahre alte Johann Josef Galehr von Bartholomäberg, der vor kurzem freiwillig eingerückt ist, kam wieder zurück, da er wegen zu hohen Alters nicht angenommen wurde. Soldaten, von welchen man lange nichts mehr gehört hatte, meldeten in der letzten Zeit, daß sie gesund und am Leben sind und wacker weiterkämpfen.

Silbertal, 30. Okt. (Aus Kriegszeiten.) Kaiserjäger Johann Bargehr […] telegraphierte aus Jägerndorf, daß er dort im Spitale sei; man möge ihm Geld schicken. Landesschütze Franz Berthold […] ist in einem Reservespital (Seminar) in Olmütz. Christan Vonier, Scharfschütze im 2. Landesschützen-Regiment, ist nach eigener Nachricht in Krynika (Galizien) in den Karpathen krank. Ferdinand Saler, ein Silbertaler, der aber in Bregenzwohnte, ist in Sibirien kriegsgefangen. Etwa 8 Silbertaler Landstürmer sind in Przemysl und haben dort die Verteidigung dieser Feste mitgemacht, waren am 19. September noch gesund, obwohl die blinde Sage einen davon schon tot meldete. Aus Frankreich meldete Nikodemus Loretz, daß er mit 20 Montafonern und etwa 400 anderen Österreichern in einem alten Kloster in Moissac (Departement Tarn et Garonne) nahe der spanischen Grenze gefangen gehalten werde. Am 2. August, also etwa 8 Tage vor der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich, wurden sie schon gefangen gesetzt. Sie seien gesund und in Sicherheit, aber die Kost sei schmal. – Von anderen Kriegern haben wir noch immer keine Nachricht.

Gaschurn, 8. Nov. (Rotes Kreuz.) Die Jungfrauenkongregation Gaschurn-Parthenen unter Mithilfe zahlreicher Gönner und der arbeitsfreudigen Schuljugend übersandte an den Landeshilfsverein vom Roten Kreuz in Bregenz 7 Kisten: 122 Hemden, 20 Leintücher, 1 Bettanzug, 1 Kissen, 19 Handtücher, 16 Sacktücher, 23 Halsbinden, 54 Paar Socken, 13 Paar Strümpfe, 6 Paar Handstutzen, 3 Paar Handschuhe, 14 Schneehauben, 29 Paar Unterhosen, 5 Unterhemden, 24 Fußlappen, 6 neue Wolldecken und 9,6 Kilo Charpie. Möge dieser Samaritersinn und diese Opferwilligkeit allerorts Eingang finden; denn der Winter steht vor der Türe und fordert warme Kleider.

Bartholomäberg, 9. Nov. (Kanonendonner?) Heute mittags in der Zeit von ½1 bis ½2 Uhr wurden bei unserer Kirche sehr dumpfe, scharf abgebrochene Schüsse vom Lande herein deutlich gehört. Diese Schüsse erfolgten mehrmals schnell hintereinander. Es war sehr klares Wetter mit westlicher Windrichtung. Deshalb dürfte die Vermutung nicht unbegründet sein, daß wir heute auf dem Berg die Kanonen vom südlichen Elsaß her gehört haben.

(Michael Kasper)